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Von Klaus Backes, Ruth Weinkopf und Martin Bommersheim
Mannheim, Wiege des Automobils, trauert um eine verpasste Chance, ein Stück Tradition in die Moderne zu retten. Mannheim, das war Carl Benz, der erste Motorwagen 1886, gebaut im Quadrat T 6. Mit der Trennung von der US-Tochter Chrysler schien die Möglichkeit greifbar, dass Benz wieder zum Namen der Marke mit dem weltberühmten Stern aufsteigt. Denn schließlich verschwand Benz erst 1998, als Daimler den Autobauer jenseits des Atlantiks schluckte.
Seit Konzernchef Dieter Zetsche die Absicht bekannt gegeben hatte, die Auto-Ehe zu scheiden, hofften alle auf Wiedergutmachung, die Benz(in) im Blut spüren. Aktionäre stellten bei der Hauptversammlung im April den Antrag, den Auto-Erfinder Benz im neuen Firmennamen zu berücksichtigen. Zetsche blockte ab. "Kein Anlass." Den Worten ließ Zetsche am Montag Taten folgen. Als er den Investor Cerberus als Haupteigentümer von Chrysler vorstellte, gab er den künftigen Namen der Sternschmiede bekannt: Daimler AG. Kein Platz für Benz. Die Entscheidung, der die Aktionäre im Herbst noch zustimmen müssen, sei nicht als Geringschätzung von Carl Benz zu verstehen, versichert der Konzern. Doch hätten strategische und markenrechtliche Gründe den Ausschlag gegeben.
Eine Entscheidung, die bei Bürgern in der Metropolregion auf Unverständnis stößt. Bei einer Abstimmung im Morgenweb, der Nachrichtenplattform dieser Zeitung, votierten bis gestern Abend weit über 90 Prozent für Benz als Namensbestandteil - sei es mit dem Vornamen Daimler oder Mercedes. Für Joachim Horner, den Betriebsratsvorsitzenden des Mannheimer Nutzfahrzeugwerkes, wäre eine Rückkehr zu Daimler-Benz nur folgerichtig. "Dieser Name hat das Unternehmen nach dem Krieg groß gemacht."
Den Schriftzug vor Tor 1 im Mannheimer Stadtteil Waldhof wechselte der Konzern mehrere Male. Unter Vorstandschef Edzard Reuter wurde aus Daimler-Benz AG Mercedes-Benz Holding. Mit der Konzentration auf Personenwagen und Nutzfahrzeuge unter Jürgen Schrempp war der Standort Mannheim wieder ein Werk der Mercedes-Benz AG. Am 17. November 1998 schließlich verschwand der Name Benz vom Waldhof gänzlich - ersetzt durch den Schriftzug DaimlerChrysler.
Erich Klemm, oberster Arbeitnehmervertreter des gesamten Konzerns, hätte es ebenfalls gut gefunden, an "die stolze Tradition von Daimler-Benz" im künftigen Firmennamen anzuknüpfen. Nicht zuletzt, um "unseren Benzlern gerecht zu werden", wie Klemm gestern im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte.
"Der Name Daimler ist nicht schlecht", sagt hingegen Ferdinand Dudenhöffer, Automobilwirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Der neue Konzerntitel stehe für Internationalität und unterschiedliche Geschäftsfelder. Adieu Tradition? "Nein", sagt Dudenhöffer. "Tradition ist auch bei Daimler drin."
Das mag stimmen, aber sie ist eben eng verbunden mit Vorgängen, die sich in der Silvesternacht 1879 in einer Mannheimer Werkstatt ereigneten und Weltgeschichte schrieben: Da brachte Carl Benz den von ihm entwickelten Motor zum Laufen. Er leistete zwar nur ein PS, doch mit seiner Frau Bertha lauschte der Auto-Pionier lange "tiefergriffen dem eintönigen Gesang" des Zweitakters. Im Hintergrund läuteten Glocken, wie sich Benz später erinnerte: "Uns war's, als läuteten sie nicht nur ein neues Jahr, sondern eine neue Zeit ein." Mit Partnern gründete er 1883 die Firma "Benz & Cie., Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim".
Am 29. Januar 1886 meldete er seinen dreirädrigen Motorwagen zum Patent an, baute das erste richtige Auto. Ein Durchbruch. Bald entstand eine Fabrik auf dem Waldhof, in der später die Serienproduktion begann. Die Geschäfte entwickelten sich schleppend, bis August 1888 waren lediglich drei Autos verkauft. Aber Bertha Benz, die energische Frau des Autopioniers, glaubte an das Projekt. Mit den Söhnen Eugen und Reinhard machte sie sich im "Benz Patent-Motorwagen" auf die Fahrt von Mannheim nach Pforzheim. Benzin kauften sie in Apotheken, ein Schmied reparierte die Antriebsketten, und mit ihrer Hutnadel machte Bertha Benz die verstopfte Kraftstoffleitung frei. Tatsächlich: Das Trio erreichte Pforzheim und hatte die erste Fernfahrt eines Automobils absolviert.
Mit dem Bau eines Serienmodells im Jahr 1893 kam der Erfolg. Doch die Konkurrenz zog nach und überholte schließlich. 1903 verließ Benz Mannheim, baute in Ladenburg eine Automobilfabrik auf. Der Erste Weltkrieg und die Inflation führten 1925 zur Einstellung der Produktion. Die Firma "Benz & Söhne" überstand als Reparaturbetrieb und existiert noch heute als Zulieferer der Automobilindustrie. 1926, als der Automarkt am Boden lag, schloss sich Benz mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Stuttgart zusammen. Laut Fusionsvertrag musste "Benz" im Firmennamen erhalten bleiben. So entstand die Daimler-Benz AG.
Dass Tradition fasziniert, erlebt der Autokonzern auch 2007 täglich. 940 000 Besucher pilgerten im ersten Jahr ins neue Stuttgarter Automuseum. Es hört auf den Namen "Mercedes-Benz Museum."
Mannheimer Morgen
16. Mai 2007
Adresse der Seite: http://www.morgenweb.de/region/mannheim/daimler_benz/622204221.html