Medizin:
Wissenschaftler aus Heidelberg und Mannheim stellen aktuelle Forschungsergebnisse zu chronischen Beschwerden vor
Bewegung gegen Schmerzen
Von unserem Redaktionsmitglied Kevin Hagen
Rund 20 Prozent der Bevölkerung leiden über einen längeren Zeitraum in ihrem Leben unter Schmerzen, die sich mit Medikamenten nicht behandeln lassen.
© dpa
Stiche im Rücken, der Magen rebelliert und das Dröhnen im Kopf will nicht nachlassen. Wenn Menschen unter chronischen Schmerzen leiden, wird der Kampf gegen die Qualen schnell zum hilflosen Geduldsspiel. Rund 20 Prozent der Bevölkerung haben einmal im Leben mit Schmerzen zu tun, die trotz der Einnahme von Medikamenten nicht abklingen. Doch was steckt dahinter und was kann man dagegen tun?
Mit diesen Fragen haben sich auch Forscher aus Heidelberg und Mannheim befasst. Wer sich bewegt, ist weniger anfällig, Medikamente sind bei chronischen Schmerzen oftmals wirkungslos, positives Denken hilft dagegen umso mehr. Das sind - verkürzt dargestellt - die Ergebnisse, die gestern Mitglieder des Forschungsverbundes "LOGIN" in der Medizinischen Universitätsklinik im Neuenheimer Feld anlässlich eines bundesweiten "Aktionstages gegen den Schmerz" vorgestellt haben.
"Schmerz ist nichts Einfaches. Das muss man sehr differenziert sehen", machte Professor Wolfgang Eich, Leiter der Sektion für Integrierte Psychosomatik am Uniklinikum Heidelberg und LOGIN-Sprecher, gleich zu Beginn klar.
Ein Grund für eine stärkere Schmerzempfindlichkeit könnte das Stresshormon Cortisol sein, sagte Dr. Walter Magerl von der Medizinischen Fakultät der Uni Heidelberg in Mannheim. Cortisol werde bei gesunden Menschen bereits beim Aufstehen freigesetzt und beuge einer Steigerung der Schmerzempfindlichkeit vor. Bei manchen Menschen fehle diese Reaktion - ein mögliches Risiko für dauerhafte Beschwerden.
Medikamente helfen nur selten
Doch kann man die scheinbar unzähligen Formen von Beschwerden überhaupt kategorisieren? Man versuche gerade verschiedene Untergruppen zu definieren, erklärte Professor Eich.
Ein Phänomen, mit dem sich die Mediziner schon intensiv befasst haben, ist das sogenannten Fibromyalgiesyndrom. Es handelt sich dabei um eine chronische Erkrankung des Bewegungssystems, bei der die Patienten mit Beschwerden an verschiedenen Körperregionen, beispielsweise im Rücken oder in den Gelenken kämpfen. Rund vier Prozent der Bevölkerung in den Industrienationen leiden unter dieser bislang unheilbaren Krankheit - betroffen sind vor allem Frauen im Alter von 40 bis 60 Jahren.
Pillen und Arzneicocktails verfehlten dabei jedoch meist ihre Wirkung, wie die Forscher nun herausfanden. "Es nutzt eigentlich nichts, noch draufzuhauen", sagte Eich. Der Mediziner setzt dagegen auf eine vielseitige Therapie. Die alte Devise, sich auszuruhen und zu schonen, sei falsch, sagte Eich, und riet stattdessen zu mehr Bewegung. Untersuchungen hätten ergeben, dass ein individuell angepasstes Ausdauer- und ein leichtes Krafttraining Linderung verschaffen. Im Idealfall sollte das Training mit einer Entspannung- und Verhaltenstherapie kombiniert werden.
Sport hilft. Das ist auch das Ergebnis einer Untersuchung, an der Dr. Jonas Tesarz von der Uniklinik Heidelberg beteiligt war. Die Mediziner haben 15 internationale Studien über Sportler und deren Schmerzempfinden ausgewertet. Das Ergebnis: Wer mehr als fünf Stunden pro Woche Sport treibt, kann größere Schmerzen ertragen, als jemand, der nicht aktiv ist.
Bei der Verhaltenstherapie soll das Positive mehr in den Fokus gerückt werden, erläuterte Professor Herta Flor vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Die Patienten bekämen zum Beispiel kein Schmerz-, sondern ein "Aktivitätentagebuch", in das sie die Zeit eintragen, in der sie sich fit fühlen. Es gehe um eine "Umpolung auf Schmerzfreiheit", so Flor.
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