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Ausstellung: Universitätsbibliothek zeigt „Originale“ mit kleinen Fehlern / Schwindler manipulieren ganze Kataloge

Fälscher und ihre Tricks

Archiv-Artikel vom Donnerstag, den 09.06.2016

Von unserem Redaktionsmitglied Simone Jakob

"Welches ist echt?", fragt Henry Keazor und deutet lächelnd auf zwei große Porträts, in denen die Farben Blau und Gold dominieren. Eines ist von Johannes Molzahn - einem deutsch-amerikanischen Maler - das andere von Wolfgang Beltracchi - einem Kunstfälscher, der mit unechten Werken Millionen verdiente. Mit über 200 Exponaten versammelt die Ausstellung "FAKE - Fälschungen, wie sie im Buche stehen" in der Universitätsbibliothek Schwindel-Kunst aus allen Epochen, erzählt die Geschichten ihrer berühmtesten Schöpfer und stellt den Besucher mit Gegenüberstellungen auf die Probe.

Katzen und Kreise

"Wenn man beide Bilder zusammen betrachtet, sieht auch der Laie die Schwächen des Fälschers", sagt Kurator Keazor, der als Professor am Institut für Europäische Kunstgeschichte forscht und lehrt. Tatsächlich überzeugt das von Molzahn 1930 gemalte Bild durch die mit Zirkeln und Kämmen exakt gezogenen konzentrischen Kreise, die das Gesicht zum Rand hin aufzulösen scheinen. "Beltracchi hat das nicht verstanden. Er hat einfach einen räumlichen Kopf gemalt und die Formen draufgesetzt", erklärt Keazor. Der niederländische Expressionist Heinrich Campendonk lag dem Fälscher wohl mehr, denn seine "Katze in Berglandschaft" hält der Kurator für "sehr gut gelungen".

Wer im Obergeschoss der Unibibliothek in die Welt der Fälscher eintaucht, ist angesichts der abenteuerlichen Geschichten überrascht, dass dieselbe Masche im Grunde seit der Antike funktioniert. So sorgten vermeintlich etruskische Monumentalplastiken für Aufsehen, die das Metropolitan Museum of Art 1933 in New York als echte Sensation präsentierte. "Die Kuratorin beharrte auch dann noch auf deren Echtheit, als sich die Stimmen, dass es Fälschungen sein könnten, mehrten", berichtet Keazor. Erst 1961 meldete sich der italienische Bildhauer zu Wort, der die 2,5 Meter hohen Skulpturen geschaffen hatte. "Heute stehen sie in einem Depot weggeschlossen und man kann sie nicht einmal mehr zu Forschungszwecken anschauen."

Ähnlich sei es mit der goldenen Krone eines skythischen Königs, die jahrelang als Original im Louvre zu sehen war, bis sich ein Goldschmied aus Odessa meldete, der sie hergestellt hatte.

Fesselnd sind auch Kreativität und kriminelle Energie, die Fälscher beweisen. So stellte sich der Brite John Drewe in den 80-er Jahren selbst Empfehlungsschreiben aus, mit denen er Archive von Museen besuchen konnte. "Dort stahl er alte Ausstellungskataloge, baute gefälschte Bilder seines Komplizen ein, druckte sie nach und brachte den präparierten Katalog ins Museum zurück", erklärt Keazor die Methode, die die falschen Werke adelte. "Ein solcher Katalog ist für ein Gemälde der Ritterschlag, weshalb seine Echtheit nicht mehr hinterfragt wird."

Überhaupt haben Fälschungen meistens nur Erfolg, weil sie der Kunstwelt das geben, was sie sucht: "Da ist Han van Meergeren, der den berühmtesten Vermeer-Experten seiner Zeit blamieren wollte und ein religiöses Bild gemalt hat, das es nach Einschätzung dieses Kenners von Vermeer einfach geben musste", schildert Keazor einen Fall, in dem der "Fake"-Maler Jahre später nach einem riesigen Fälscherprozess zum Medienstar avancierte. Gar zur literarischen Figur sei Elmyr de Hory aufgestiegen, der Werke von Matisse, Picasso und Modigliani im großen Stil nachmachte und dem amerikanischen Reporter Clifford Irving seine Lebensgeschichte erzählte, die dieser nach de Horys Selbstmord 1976 als Roman publizierte.

"Irving sorgte aber selbst für Furore, weil er die Autobiografie des exzentrischen Milliardärs Howard Hughes selbst verfasst und veröffentlicht hatte", erzählt der Kunsthistoriker und deutet auf eine Vitrine. Der Stoff inspirierte später Orson Welles zu dem Dokumentarfilm "F for Fake", der im Begleitprogramm der Ausstellung am 6. Juli, 19 Uhr, im Karlstorbahnhof zu sehen ist.

Erfundener Künstler

Am Ende des Rundgangs wartet noch die unglaubliche Geschichte von Karl Waldmann, dem in Brüssel ein Museum gewidmet ist. "Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer soll ein französischer Journalist auf einem Berliner Flohmarkt auf zwei "konstruktivistische" Collagen gestoßen sein, die mit dem Namen Karl Waldmann signiert waren und aus einer Garage bei Dresden stammen sollen. Da man aber über einen Künstler mit Namen Karl Waldmann weder Geburts- noch Sterbedatum noch sonst etwas in Erfahrung bringen konnte, liegt der Verdacht nahe, dass es ihn nicht gibt", erzählt Keazor und schmunzelt. Sind Waldmanns Collagen deshalb falsch oder echt? Keine leichte Frage.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 09.06.2016

„FAKE“

  • Mit 520 000 kunsthistorischen Büchern und über 1500 laufenden Zeitschriftenabonnements ist die Unibibliothek Heidelberg die bedeutendste Kunstbibliothek Deutschlands.
  • Die Ausstellung "Fake - Fälschungen, wie sie im Buche stehen" zeigt neben eigenem Material Leihgaben aus der Asservatenkammer des Landeskriminalamts in Stuttgart, dem Fälscher-Museum in Wien sowie von privaten Sammlern.
  • Die Schau in der UB (Plöck 117) ist bis 26. Februar täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet - außer an Feiertagen. Zum Begleitprogramm gehören Vorträge, Filme und Seminare.