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Amerikanische Verhältnisse

Von Simone

Wer sich aufs Glatteis begibt, ist selbst schuld - im deutschen Zivilrecht wird leichtfertiges Handeln nicht mit einem Geldsegen belohnt. Doch obwohl ein Großteil der Schadenersatzklagen wegen Verstößen gegen die Verkehrssicherungspflicht vor Gericht scheitert, schwappt die Klagewelle weiter über die Heidelberger Zivilkammern. Denn so manches Opfer eines schmerzhaften Sturzes hofft, dass es irgendjemanden gibt, der das persönliche Pech mit einem finanziellen Trostpflaster lindert.

In den USA kann man schließlich reich werden, wenn man sich einen Pappbecher mit heißem Kaffee aus dem Drive-in-Schalter eines Schnellrestaurants im Auto zwischen die Beine klemmt, das Koffeingetränk über die Schenkel fließt und dieselben verbrennt. Unsere Gerichte trauen dem Kaffeekäufer zu, dass er zumindest ahnt, wie heiß die Plörre im Pappbecher ist. Mit der Berufung auf die Verkehrssicherungspflicht kann man Menschen nicht jegliches Risiko abnehmen, eigenverantwortlich zu handeln und entsprechende Schutzmaßnahmen selbst zu treffen. Ein Passant, der in einen Wieslocher Brunnen klettert, um das Schild an einer Skulptur zu lesen, muss das Risiko alleine tragen, wenn er auf die Nase fällt. Wer an einem seit Jahren schrägstehenden Pfosten vor einer Eppelheimer Postfiliale hängenbleibt, hätte eben aufmerksamer sein müssen. Gleiches gilt für einen Sturz auf dem nassen Untergrund eines Jahrmarkt-Karussells in Neckargemünd. Auch mit Fußgängern, die über eine fünf Zentimeter hohe Bordsteinkante in Heidelberg stolpern, haben die Richter wenig Mitleid, da ein konzentrierter Passant die Gefahr erkannt hätte.

Manche Menschen haben zwar ein größeres Schmerzensgeldbedürfnis, als das Bürgerliche Gesetzbuch hergibt, aber von der grotesken Gesetzgebung in den USA sind wir zum Glück meilenweit entfernt - sonst würden wir alle in der Klageflut versinken.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 12.02.2013

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