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Ausstellung: Birgit Mair gibt den Opfern des rechtsextremen NSU ein Gesicht – und zeigt Vorurteile der Ermittlungsbehörden auf

„Nicht aufhören, zu fragen“

Archiv-Artikel vom Freitag, den 25.04.2014

Von unserem Redaktionsmitglied Christian Beister

"Wir sind es den Opfern schuldig, an sie zu erinnern", sagt Romani Rose. Die Ausstellung zeigt, wie Menschen wie Mehmet K. (r.) aus ihrem Leben gerissen wurden.

© Rothe

Mehmet K. lächelt. Die dunklen Augen leuchten voller Stolz. Er sitzt zu Hause auf dem Sofa. Seine drei Kinder hat er für das Foto in die Arme genommen. Es ist ein Bild aus glücklichen Tagen der Familie. Am Morgen des 4. April 2006 geht der 39-Jährige zur Arbeit in den eigenen Kiosk. Nachmittags möchte ihn seine Tochter ablösen. Die 20-Jährige findet ihren Vater tot auf. Mehmet K. wurde erschossen - wie sich erst fünf Jahre später herausstellen sollte von Mitgliedern einer rechtsradikalen Terrorzelle, die sich "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) nannte und zwischen 2000 und 2007 in Deutschland zehn Menschen umbrachte.

Birgit Mair greift diese Mordserie in ihrer Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" auf. Bis zum 9. Mai ist diese im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Bremeneckgasse 2) zu sehen. Es sind Fotos wie das von Mehmet K., die den Opfern ein Gesicht geben. Oder das der Polizistin Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn im Alter von 23 Jahren erschossen wurde. In der Ausstellung ist nicht das nüchterne Passbild in Uniform zu sehen, sondern eine junge hübsche Frau, die sich einen Traum erfüllt hatte: "Sie hat ihren Beruf geliebt", erinnert sich ihre Mutter auf einer der Schautafeln der Ausstellung.

Die Fotos erzählen die Geschichten von Ehemännern und Vätern. Und sie erzählen die Geschichten von Familienangehörigen, die zu unrecht verdächtigt und beschuldigt wurden. Ermittlungspannen, wie sie in der deutschen Nachkriegsgeschichte wohl einmalig sind.

„Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU)

  • Die Wanderausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" befasst sich mit der Mord- und Anschlagsserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds".
  • Der NSU ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in ganz Deutschland: neun Migranten und die Polizistin Michèle Kiesewetter.
  • Hinzu kamen Bombenanschläge in Köln 2001 und 2004 mit insgesamt über 20 Verletzten.
  • Erst 2011 wurde aufgedeckt, dass der NSU hinter den Verbrechen steht: Zwei Neonazis töteten sich selbst, ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe muss sich vor Gericht verantworten.
  • Die Polizei hatte die Täter lange im Umfeld der Opfer vermutet.
  • Die Ausstellung ist bis zum 9. Mai dienstags, 9.30 bis 19.45 Uhr, mittwochs bis freitags, 9.30 bis 16.30 Uhr, sowie samstags und sonntags, 11 bis 16.30 Uhr, zu sehen.

Ein Jahr geforscht

"Ich wollte viele private Bilder zeigen, das war mir ganz wichtig", erläutert Mair. Sie möchte die Opfer in einem menschlichen Licht zeigen", betont sie. Über die Anwälte der Angehörigen, die als Nebenkläger beim Prozess gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe in München auftreten, ist Mair an die Fotos gekommen. Gerne hätte sie mit den Angehörigen selbst gesprochen. "Das ist leider nicht gelungen, aber ich verstehe das. Sie wollen auch wieder ein normales Leben führen", sagt die Sozialwissenschaftlerin, die die Ausstellung im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung erstellt hat.

Mair lebt in Nürnberg, wo drei Menschen durch den NSU ihr Leben verloren. Einer der Gründe, weshalb sich die Rechtsextremismus-Expertin mit dem Thema beschäftigte. Rund ein Jahr hat die gebürtige Österreicherin in Akten und bei Behörden nachgeforscht, sich mit Anwälten abgestimmt, was sie während des laufenden Prozesses mitteilen darf. Eine Herkulesaufgabe. Herausgekommen ist eine kleine, aber interessante Ausstellung, die den Opfern auf den Schautafeln den nötigen Raum und Respekt einräumen. Die 47-Jährige schildert eindrucksvoll, wie die Ermordeten ihre letzten Minuten verbracht haben. Die Fehler der Ermittlungsbehörden, die die Täter über Jahre im Umfeld der Opfer gesucht hatten, kommen dabei nicht zu kurz. Die Vermutung: Die ermordeten Migranten seien in kriminellen Machenschaften verstrickt gewesen. Mair zeigt auf, wie Rassismus und Vorurteile die Ermittlungen prägten, die erst 2011 zu den Tätern im rechten Milieu führten.

"Es wurden Fehler gemacht und das kann man nicht allein mit der Erklärung der Polizei abtun, dass sie versagt habe", sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Auffällige Zusammenhänge, die auf die rechte Szene hingedeutet hätten, seien ignoriert worden. Stattdessen sei in Akten zu dem Mord an Kiesewetter von "Ermittlungen im Zigeunermilieu" und der "heißesten Spur" bei "Sinti-Clans" gesprochen worden.

"Die Ermittlungen waren zum Teil sehr voreingenommen und haben jeden Angehörigen unserer Minderheit unter Generalverdacht gestellt", kritisiert Rose. "In einem Rechtsstaat muss so etwas Konsequenzen nach sich ziehen", fordert er von der Landesregierung eine Entschuldigung und einen Untersuchungsausschuss im Landtag. "Diese Ausstellung ist eine absolute Notwendigkeit", betont er. Es gehe darum, zu begreifen, welche Ideologie hinter den Verbrechen stehe und was man für die Zukunft lernen könne. Oder wie es die Witwe eines der Opfer ausdrückte: "Wichtig ist es, dass man nicht aufhört, zu fragen."

© Mannheimer Morgen, Freitag, 25.04.2014

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