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Fasnacht: Heidelberger Umzug durch Bergheimer- und Hauptstraße lockt rund 80 000 Zuschauer an

Schabernack mit Besenstiel

Von unserem Redaktionsmitglied Sarah Levy

© Rothe

Politisch wie die Ziegelhäuser Kellerasseln (großes Bild), gewitzt wie die Hexen (oben) oder gleich auf dem eigenen Wagen: Heidelberg feiert vielfältig.

© Rothe (2)/Levy
© Philipp Rothe

Neben dem dampfenden Kessel steht eine Hexe und isst einen Döner. Sie trägt eine grüne Schürze über rotem Rock, unter dem linken Arm hat sie einen knorzigen Besenstiel geklemmt, in ihrer Hand dampft das Fleisch aus der Brottasche in die kalte Winterluft. Die Hexe ist eigentlich ein "Er" und heißt Teetje Horst. Teetje ist 33 Jahre alt und gehört zu den fast 40 Ziegelhäuser Hexen, die beim Heidelberger Fasnachtsumzug mitlaufen. Noch aber ist es nicht so weit.

Um 13 Uhr brummt es in den Seitenstraßen der Bergheimer Straße. Hier sammeln sich Tanzgardisten, Burgfräulein, Löwen, Käfer, Musiker und jede Menge Hexen eine Stunde vor Umzugsbeginn an ihren Wagen, hier wummern die Bässe, überlappen sich Volks- und Popmusik. Und hier warten sie alle, dass es endlich losgeht.

"Es kribbelt im Hintern", sagt der 50-jährige Volker und wirft seinen Besenstiel hin und her. Ob ihm nicht kalt sei? "Nachher ist das wie Sauna", sagt er lachend. Nachher fangen die Hexen mit dem Schabernack an. Dann werden die krummen Besenstiele zwischen die Beine gesteckt und die Leute geärgert. "Das hält warm."

Auch Heidi Schneider, die alle nur die "Oberhexe" nennen, lächelt zufrieden. Stolz zeigt sie ihre schwere Holzmaske, die - wie sie selbst - schon 33 Jahre dabei ist. Während des Umzugs wird die Maske nicht abgesetzt. Na gut, die Jugend tue das schon manchmal, weil die ja "süffeln" wollten. Und gesüffelt wird auch ein bisschen: Hier werden Klopfer rumgereicht, dort eine rosafarbene Flasche Prosecco."Alles in Maßen", sagt Heidi, "aber den Spaß kann man der Jugend ja nicht nehmen."

Tanzen hält warm

Um 14.11 Uhr werden die Masken aufgesetzt und endlich ertönen die erlösenden Worte: "Es geht loooos!" Langsam setzt sich der Tross rund um den kleinen Hexenwagen in Bewegung, auf dem ein Kessel schmaucht. Alle schieben sich in Richtung Bismarckplatz. Verkleidete, bemalte Menschen, Groß, Klein, Alt und Jung säumen bereits erwartungsvoll die Straßen, rufen "Ahoi!", winken und strecken die Arme nach Süßigkeiten aus.

Die Hexen machen es den Schaulustigen nicht leicht: Wer nicht ordentlich grüßt, dem wird die Mütze gestohlen, wer nicht verkleidet ist, dem wird Konfetti in den Nacken gestopft. Anna Katharina, 19, aus Schriesheim, verbinden die Hexen sogar die Beine mit Klebeband. Lachend hüpft sie zu ihren Freunden zurück, doch dann kommt es richtig dicke: Eine Hexe schleicht sich heran und streut dem Mädchen Haferflocken übers Haupt. "Nicht schlimm", lacht Anna Katharina.

Auch die anderen "Opfer" der Hexen nehmen die kleinen Angriffe mit Humor. Auf dem Bismarckplatz ertönt erst Gelächter, dann blitzen die Handykameras, als ein Mädchen mit verklebten Beinen die Balance verliert und - sanft - von einer Hexe aufgefangen wird. "Manche mögen das nicht", erzählt Hexe Volker, "das sind dann meist Norddeutsche." Teetje hat inzwischen seine Maske abgenommen und wischt sich den Schweiß ab. Schabernack ist anstrengend.

So warm ist es Ines von den tanzenden Gardisten des Narrenclubs Varnhalter Rebschenkele aus Baden-Baden nicht. "Saukalt", bibbert sie mit zusammengebissenen Zähnen. Bei null Grad helfen auch die drei Seidenstrumpfhosen unter dem kurzen Glitzerrock nicht. "Ich spüre meine Füße nicht mehr", sagt sie und marschiert tapfer weiter.

Die Hexen dagegen bringen alle zum Lachen. Sogar ein Polizist kann sich das Grinsen nicht verkneifen, als eine Hexe ein Haargummi klaut und es genüsslich auf ihren Besenstiel stülpt, der schon ganz bedeckt ist von bunten Haarbändern. Lediglich ein kleiner Junge im Schildkrötenkostüm weint im Haferflockenregen. Die Tränen versiegen erst, als eine kleine Hexe ihm eine Tüte Gummibärchen überreicht.

Müde Minihexen

Am Straßenrand trinken und tanzen sich die Zuschauer warm. Auch Olga Markowksi wippt mit. Die 82-jährige Eppelheimerin klatscht in ihrem Rollstuhl begeistert in die Hände. "Früher war ich selbst Büttenrednerin", erzählt sie mit strahlenden Augen. "Die Zeiten sind vorbei", sagt sie und jubelt den vorbeiziehenden Guggemusikern zu.

In den Gassen der Altstadt staut es sich, der Tross wird langsamer und kommt immer wieder zum Stehen. Auf dem Ziegelhäuser Wagen haben es sich drei Minihexen bequem gemacht. Erschöpft lehnen sie am schmauchenden Kessel. Schabernack ist schließlich anstrengend.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 13.02.2013

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