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Sozial statt feudal

Archiv-Artikel vom Samstag, den 19.11.2016

Das Schloss in Ilvesheim prägt Geschichte und Erscheinungsbild der Inselgemeinde, die dieses Jahr ihr 1250. Jubiläum feiert. Seit rund 150 Jahren beherbergt das barocke Bauwerk die älteste und größte öffentliche Blindenschule Baden-Württembergs.

Konstantin Groß

Das ab dem Jahr 1700 errichtete Schloss Ilvesheim war anderthalb Jahrhunderte der Sitz derer von Hundheim. Seit rund 150 Jahren ist es das Domizil der größten öffentlichen Schule für Blinde und Sehbehinderte des Landes.

© Groß

Künstlerische Ausgestaltung aus verschiedensten Epochen: Im Inneren des Schlosses finden sich spätmittelalterliche Darstellungen ebenso wie solche aus den 1940-er Jahren.

Es ist eine Begegnung, an die sich diejenigen, die sie miterleben, noch lange erinnern werden. Am 11. September 1992 besucht Gerhard Mayer-Vorfelder, damals Kultusminister des Landes Baden-Württemberg, Ilvesheim, um den Erweiterungsbau der im hiesigen Schloss untergebrachten Blindenschule zu eröffnen.

Die blinden und sehbehinderten Jugendlichen reichen ihm die Hände entgegen; der CDU-Politiker greift dieses Bedürfnis nach Körperkontakt auf. "Hallo!", ruft er ihnen zu, nimmt viele der Schüler in den Arm. Dabei ist der Präsident des Fußball-Bundesligisten VfB Stutt-gart, oft als Raubauz verschrien, sichtlich selbst zutiefst bewegt.

Die Szene sagt einiges über die-ses Gebäude. Denn der Minister kommt damals nicht nur als Besucher, sondern als Eigentümer: Das Schloss Ilvesheim gehört dem Land Baden-Württemberg, das hier seine größte Schule für Sehbehinderte unterhält. Zugleich ist das Schloss das bedeutendste Gebäude der Gemeinde, die dieses Jahr ihren 1250. Geburtstag feiert. "Es hat unseren Ort vielfältig geprägt", sagt Bürgermeister Andreas Metz.

Erlenburg als Vorgängerbau

Wie bei vielen Orten der Region, so ist es das Kloster Lorsch, das in seinem Kodex auch Ilvesheim erstmals erwähnt. Am 14. März 766 erhalten die Mönche von einem gewissen Rutbert zwei Morgen Ackerland als Geschenk. Danach wechselt die Ortsherrschaft mehrmals, ab 1358 zu den Junkern von Erlickheim. Diese errichten ab 1511 den Vorläuferbau des heutigen Schlosses: die Erlenburg, die von einem Wassergraben umgeben ist, der vom nahen Neckar gespeist wird.

Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wird die Burg im Herbst 1688 Hauptquartier für die 24 000 Franzosen bei deren Belagerung Mannheims. Auf Befehl des französischen Königs Ludwigs XIV. wird sie jedoch am 9. März 1689 niedergebrannt. Der Gewölbekeller bleibt erhalten.

Neun Jahre später erhält Ilves-heim einen neuen Ortsherrn und mit ihm das Areal der zerstörten Burg einen neuen Besitzer: Lothar Friedrich von Hundheim. Sein Geschlecht wird die Geschichte der Gemeinde für 150 Jahre prägen - baulich sogar bis zum heutigen Tage.

Wie die Wisers oder die Obern-dorffs, so gehören auch die Hundheims, eine Beamtenfamilie aus dem Raum Trier, zu jenen, die am kurfürstlichen Hof Karriere machen und dadurch zu Adelswürden und Besitz gelangen. Lothar Friedrich (1668-1723) steigt auf vom einfachen Regierungsrat zum Generalkriegskommissar, der für die Versorgung der Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg zuständig ist. Später bereitet er die Friedensverhandlungen in Rastatt vor. Nach dem Tod des in Düsseldorf residierenden Kurfürsten Johann Wilhelm 1716 leitet er dort sogar die Übergangsregierung.

Die Familie besitzt ein Palais am Karlsplatz in Heidelberg. Dem barocken Geist der Zeit entsprechend, trachtet Friedrich darüber hinaus jedoch nach einem repräsentativen "Häuschen im Grünen". Als er 1698 den 800-Seelen-Ort Ilvesheim als Lehen erhält, wählt er sich als Standort das frühere Areal der Erlenburg.

Auf deren Fundament lässt er ab 1700 ein Barock-Schloss errichten: einen viereckigen, fast quadratischen Bau mit charakteristischen zwiebelgekrönten Ecktürmen. Ansonsten verzichtet das dreistöckige Gebäude außen auf schmückenden Zierrat; umso eindrucksvoller glänzen kann dadurch über dem Hauptportal das mächtige Wappen des Bauherrn und seiner Gemahlin Barbara Theresia, geborene Silbermann von Holzheim und Strass.

Nach Lothar Friedrichs Tod 1723 ist es sein Sohn Ferdinand Philipp, der das Schloss-Ensemble vollendet. 1750 bis 1773 werden die beiden eingeschossigen Flügelbauten für Orangerie und Küche errichtet, 1750 im barocken Stil ein streng geometrischer Garten angelegt.

Allmählicher Niedergang

Gleichwohl gelingt es Ferdinand Philipp nicht, an die Bedeutung seines Vaters anzuknüpfen. Am kurpfälzischen Hofe schafft er es nur zum Obristküchenmeister, was ihm weniger Ruhm als Spott einbringt; den "Duft eines Küchenmeisters" bemerkt an ihm etwa der spätere preußische Staatskanzler Karl August von Hardenburg. Dass zahlreiche Geschwister und deren Nachkommen zu alimentieren sind, erweist sich neben dieser eher niederen Stellung als finanzielle Last.

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