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Menschen in der Metropolregion: Friedhelm Schneidewind aus Hemsbach gehört zu den profiliertesten Experten für Fantasy-Literatur

Der Erforscher von Mittelerde

Archiv-Artikel vom Montag, den 12.11.2012

Von unserem Redaktionsmitglied Timm Herre

Bücher, Bücher, Bücher: Friedhelm Schneidewind lebt inmitten von 25 000 Druckwerken - und kennt sich besonders gut in Fantasy-Geschichten aus.

© Herre

Hemsbach. Wenn Friedhelm Schneidewind in seinem Arbeitszimmer sitzt, schweben immer dunkle Wolken über ihm. Die Decke des Raumes ist mit schwarzem Stoff abgehängt, der sich ballonförmig nach unten wölbt. An den Wänden hängen schaurige Masken, Bilder von Vampiren und sagenhaften Gestalten - und auf der Terrasse steht ein Sarg. "Der weitgereisteste in Deutschland", sagt der 54-Jährige "Herr der Gruft". Spätestens jetzt könnte man Angst kriegen. Muss man aber nicht. Denn der Sarg ist nur Requisite für ein bundesweit aufgeführtes Theaterstück - und Friedhelm Schneidewind auch kein dem Okkultismus zugewandter Wirrkopf, sondern ein gefragter Experte für fantastische Literatur und Mythologie.

Entsprechend sieht es auch in Schneidewinds Haus in Hemsbach aus. Rund 25 000 Bücher stapeln sich in den Regalen - knapp 20 davon hat er selbst geschrieben: über Vampire, Mythenforschung, Drachen. Deutschlandweit bekannt wurde er mit einem Lexikon zu Harry Potter.

Die Abenteuer des Zauberschülers hat Schneidewind innerhalb weniger Monate bis ins kleinste Detail durchforstet. In der Hochphase der Potter-Manie stand er dann sehr oft vor Kameras oder Mikrofonen, um den Hype einzuordnen.

Friedhelm Schneidewind, Jahrgang 1958, wuchs im Saarland auf und lebt seit rund zehn Jahren in Hemsbach. Er ist geschieden und hat eine erwachsene Tochter.

Der 54-Jährige arbeitet hauptberuflich als Dozent für das Berufsbildungswerk Neckargemünd und weitere Träger. Er unterrichtet angehende Mediengestalter und Bürokaufleute.

Als Autor und Journalist hat er viele Bücher und Aufsätze zu Fantastik und Mythologie verfasst. Sein Spezialthema ist das Werk J.R.R. Tolkiens.

Schneidewind spielt Flöte und andere Instrumente und ist Leiter des Mittelalter-Ensembles "Conventus Tandaradey".

Am 20. November hält Schneidewind in der ehemalige Synagoge Hemsbach, Mittelgasse 14, einen Vortrag zum Thema "Harry Potter - der moderne Artus?". Er erklärt darin die Beziehungen zwischen Harry Potter und dem Artus-Mythos.

Schneidewind hält die Potter-Reihe der englischen Autorin Joanne K. Rowling für "gute Kinder- und Jugendbücher, die Weltklassiker bleiben werden". Ganz anders fällt sein Urteil zur "Twilight"-Saga aus. "Davor kann ich nur warnen", sagt Schneidewind über die beliebten Vampir-Romane der US-Autorin Stephenie Meyer. Vor allem das darin transportierte, sehr konservative Frauenbild sei "katastrophal".

"Herr der Ringe" in zwei Tagen

So sehr sich Schneidewind auch mit diesen modernen Figuren auseinandergesetzt hat - seine große Leidenschaft bleibt das Werk von J.R.R. Tolkien. "Herr der Ringe" hat er mit 18 Jahren gelesen - "innerhalb von zwei Tagen, fast ohne Pause", erinnert er sich. Der Sohn zweier Theologen war fasziniert, und bis heute lässt ihn die Welt von Mittelerde nicht los. Er hat Arbeiten über Biologie und Evolution von Orks, Hobbits und Elben vorgelegt, in Tolkiens Werk die Rolle der Frauen analysiert und sogar die Instrumente erlernt, die in den Romanen vorkommen.

Wenn man testen will, wie seriös und umfassend sich Schneidewind mit seinen Themen beschäftigt, fragt man ihn am besten, ob es Vampire wirklich geben kann. "Den klassischen Blutsauger aus dem Schauerroman gibt es sicher nicht", kommt als Antwort. Aber es gebe Krankheiten, die bei den Betroffenen furchterregende Symptome auslösen können: Lichtempfindlichkeit, Phosphoreinlagerungen in den Zähnen, die daraufhin im Dunkeln leuchten oder eine auffallende Blässe.

Schneidewind weiß auch, dass es in Transsylvanien, der Heimat der Vampir-Legende, einst Tollwut-Epidemien gab. Und schließlich hätten sogar Mediziner des habsburgischen Kaisers mit teils fragwürdigen, teils völlig erlogenen Studien die Entstehung des Mythos' beschleunigt. Das Vampir-Beispiel verdeutlicht, dass Schneidewind bei aller Leidenschaft für die Fantasie-Welt immer ein sehr realitätsverbundener Mensch geblieben ist. Er leuchtet die Hintergründe aus und hält sich an Tatsachen. Letztlich kann von "Realitätsflucht" bei ihm schon deshalb nicht die Rede sein, weil der studierte Biologie die Welt um sich herum viel zu genau beobachtet. "Daher rechne ich nicht damit, dass ein Drache ankommt und fragt, ob ich mitfliegen will - leider!"

Bleibt noch die Frage: Herr Schneidewind, wann werden Sie erwachsen? "Das frage ich mich auch oft und denke dann: hoffentlich nie", sagt der 54-Jährige und lacht. Dabei musste sich der Vater einer Tochter jüngst mit sehr erwachsenen Problemen herumschlagen. Vor gut zwei Jahren wurde bei ihm Knochenmarkkrebs diagnostiziert.

Nach Chemotherapie und Rehabilitation fühlt sich der Hemsbacher derzeit gut, auch wenn er ein stützendes Korsett tragen muss und ihm schon das Treppensteigen Probleme bereitet. "Die Haare sind aber wieder gewachsen", sagt Schneidewind und zeigt auf seine kinnlange Mähne. Einst reichte sie ihm bis über die Schultern - und das sei auch sein Ziel. "Ich kann jederzeit einen Rückfall haben, also wollen wir mal sehen, wer schneller ist: der Krebs oder die Haare."

Montag, 12.11.2012

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