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Geschichte: Heidelberger Wissenschaftler analysieren Grabplatte von Kaiserin Gisela und schließen auf Jahr der Domweihe in Speyer

Mittelalterliche „Gästeliste“

Archiv-Artikel vom Freitag, den 28.10.2016

Von unserem Redaktionsmitglied Michaela Roßner

Kunsthistoriker Matthias Untermann (l.) und Mathematikerin Susanne Krömker (r.) haben die verschwundene Schrift der Tafel von 1043 sichtbar gemacht. Unten ist das Original zu sehen, darüber halten sie das Bild, das dank Spezialtechnik entstand.

© Venus
© Historisches Museum der Pfalz

Speyer. Sie sieht aus wie eine alte, zu große geratene und einmal angebissene graue Scheibe Knäckebrot - und liefert nun eine für die Geschichte des Speyerer Doms immens wichtige Jahreszahl: eine korrodierte Bleitafel, die dem Grab von Kaiserin Gisela (990-1043) beigegeben war und im Historischen Museum der Pfalz zu sehen ist. Die 14-zeilige Inschrift ist dank moderner Methoden von Heidelberger Wissenschaftlern nun komplett entziffert worden. Bislang kannte man nur die ersten drei Zeilen und den Anfang der vierten Zeile. Der ganze Text legt nun nahe, dass der Ostteil des Doms im Jahr 1043 geweiht wurde. Dafür gibt es keine Belege - vermutet wurde 1045 oder zuletzt 1041.

Mit dem bloßen Auge sind die Zeilen, die diese Information transportieren, nicht mehr zu erkennen. Das soll 1900 noch anders gewesen sein: Da öffnete der Ausgräber Hermann Grauert den Sarg der Kaiserin Gisela, der Gattin des vier Jahre vor ihr verstorbenen Konrad II., und schrieb den gesamten Text auf.

"Der Text Grauerts war nicht professionell editiert", erklärt Matthias Untermann, Professor für Mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, der gerade für den vierten Band des fast fertigen Klosterlexikons die Baugeschichte des Doms zusammenfasst. Der Text der Grabtafel sei daher wenig beachtet worden. Doch bevor Untermann daraus die so bedeutsamen Schlüsse zog, wollte er Gewissheit, ob der Text tatsächlich korrekt von dem Ausgräber erfasst worden war.

Salisches Herrscherpaar

  • Konrad II. (genannt "der Ältere", geschätzt 990-1039) war von 1027 bis 1039 Kaiser des Römisch-Deutschen Reiches, außerdem König des Ostfrankenreichs, König von Italien und König von Burgund.
  • Als Gründer des Königshauses der Salier vergrößerte er die Bedeutung des Reichs.
  • Vermutlich 1016 heiratete er die bereits zweifache Witwe Gisela von Schwaben. Ihr gemeinsamer Sohn Heinrich III. übernahm nach dem Tod des Vaters die Kaiserkrone.
  • Konrad II. und Gisela sind im Dom Speyer beigesetzt, die Grabbeigaben gehören zum Domschatz; das Historischen Museum der Pfalz bewahrt ihn.

Mit Streiflicht fotografiert

Gemeinsam mit Lenelotte Möller, der Präsidentin der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, holte er sich Unterstützung bei der Mathematikerin Susanne Krömker vom Interdisziplinären Zentrum fürs Wissenschaftliche Rechnen der Universität Heidelberg. Ein Streiflichtscan machte den gewünschten Text lesbar. Bei dieser Technik wird spezielles Licht auf die Oberfläche gerichtet. Zwei hochsensible Kameras registrieren feinste Unebenheiten. "Die lokale Krümmung wird Millimeter genau berechnet und zu einem Schriftbild zusammengefasst", beschreibt Krömker. Erfahrung hat man mit diesem Verfahren unter anderem bei der Entschlüsselung zum Beispiel von Tafeln mit Keilschrift.

Auf der etwa Din A1 großen Bleiplatte, die unter den Kopf der verstorbenen Herrscherin gelegt wurde, waren nicht nur Name und Lebensdaten vermerkt, sondern auch, wer Gast bei der Beisetzung war. "Neben ihrem Sohn Heinrich II. und dem Speyerer Bischof Sigibodo sowie dem Mainzer Erzbischofs Bardo wohnten ungewöhnlich viele weitere kirchliche Würdenträger der Beerdigung bei", sagt Untermann.

So sind zum Beispiel Wilhelm von Straßburg, Rotho von Paderborn, Gebhard III. von Regensburg und Eberhard von Konstanz namentlich erwähnt. Eine solch große Zahl an Prominenz lässt für Untermann nur einen Schluss zu: Sie waren bereits in der Stadt, als die Beerdigung angesetzt wurde. "Damals reiste man nicht einfach so für einen Tag nach Speyer. Da gab es einen langen Vorlauf." Todes- (15. Februar 1043) und Beerdigungsdatum (11. März 1043) von Gisela sind eindeutig historisch belegt - die Domweihe hingegen nicht. Von Domweihen in Bamberg und anderen Städten kennt man solch imposante "Gästelisten" bereits.

Unterschiedliche Schriften

Und noch eine erstaunliche Entdeckung machten die Forscher: Der erste, gründlich gravierte Teil der Schrift und der nun entschlüsselte, oberflächlich eingekratzte Rest sind nicht nur unterschiedlich tief, sondern auch in anderen Schriften. Möglicherweise wurde die Arbeit an der Tafel in Paderborn begonnen und in Speyer eilig beendet, lautet eine mögliche Erklärung.

Die Materialwahl ist nicht ungewöhnlich, denn Blei galt als leicht zu bearbeiten und dennoch sehr widerstandsfähig. Außerdem: "Es war in großen Mengen in der Region verfügbar", erklärt Sammlungsleiterin Sabine Kaufmann. Das giftige Blei konservierte auch. Das "abgebissene" Stück der Platte geht auf Verwesungsprozesse zurück; an dieser Stelle ruhte der Kopf der Kaiserin. "Einige Haare von ihr klebten noch daran", sagt Kaufmann. Die Bleiplatte gehört zum Domschatz und damit dem Bistum Speyer. Domkustos Peter Schappert: "Das nun gefundene Datum hat für unsere Kirche eine große Bedeutung. Es war der Übergang vom Profan- zum Sakralbau."

Die Geschichte des Doms kann also um eine Erkenntnis ergänzt werden: "Kaiserin Gisela ist leider im Weihejahr des Doms verstorben", formuliert Untermann.

Freitag, 28.10.2016

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