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Leo Mildenberg: In Bad Mergentheim aufgewachsen, in der Welt berühmt geworden / Vor 100 Jahren in Kassel zur Welt gekommen

Schule blieb ihm in bester Erinnerung

Von unserem Mitarbeiter Hartwig Behr

Leo Mildenberg sammelte Tierplastiken der Antike. Dieses Nilpferd aus Ägypten (etwa 2000 vor Chr.) gilt als kostbarstes Exemplar der Sammlung.

© Hartwig Behr

Leo Mildenberg (1913 - 2001) war einer bedeutendsten Kenner antiker Münzen. Er besuchte das Mergentheimer Progymnasium von 1922 bis 1928.

Bad Mergentheim. Leo Mildenberg, der in der Welt der Münzsammler berühmt ist, wurde am 14. Februar 1913 in Kassel geboren. Im November 1919 kam er als Sechsjähriger nach Mergentheim. Seine Eltern hatten das Hotel-Restaurant Fechenbach am Gänsmarkt gekauft. Es war traditionell der gesellschaftliche Treffpunkt der Mergentheimer Juden und das Hotel, in dem orthodoxe Kurgäste ihren Regeln entsprechend leben konnten.

Der Vater Max verließ schon 1922 seine Frau Jenny und seinen Sohn. Seine Jugend und die Schulzeit bis 1928 verbrachte Leo Mildenberg in der Badestadt. Er besuchte das Progymnasium, das bis zur zehnten Klasse führte. Noch als alter Herr war er voll des Lobes für seine Schule. Was er dort gelernt habe, das habe ihm das Leben gerettet, sagte er 1998 in einem Interview.

In Kasachstan interniert

Das so genannte Landexamen bestand er mit Bravour. Deshalb konnte er anschließend das Gymnasium St. Michael in Schwäbisch Hall besuchen. Seine Mutter nahm dort Wohnung für sich und ihren Sohn. 1931 bestand Leo das Abitur.

Er begann das Studium der alten Geschichte und semitischer Sprachen in Frankfurt, wo er mit dem Antisemitismus der Studenten konfrontiert wurde. Wegen des jüdischen Lehrers Lazar Gulkowitsch immatrikulierte er sich an die Universität Leipzig. Da dieser 1933 Deutschland verlassen musste und nach Dorpat (Estland) ging, folgte ihm Leo Mildenberg dorthin. Nach seinem Doktorexamen lehrte er selbst dort semitische Sprachen. 1941, nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion, wurde er nicht als Jude, sondern als Deutscher festgenommen und in einem Lager in Kasachstan eingesperrt.

Der Hunger machte ihm zu schaffen, aber auch die Langeweile des Lagerlebens. Deshalb wiederholte er dauernd das, was er am Mergentheimer Progymnasium auswendig gelernt hatte. Dies, aber auch die Verbindung zu einer Zürcher Patriziertochter, einer Kommunistin, half ihm, die Haft zu überstehen. Ihre Familie unternahm vieles, dass die Tochter, aber auch Leo Mildenberg in die Schweiz kommen konnten. Es gelang 1947. Er durfte über Budapest in die Schweiz ausreisen.

Als Münzkenner profiliert

Eigentlich wollte er weiter in die Vereinigten Staaten, jedoch die Zürcher Leu-Bank bot dem Kenner alter Sprachen eine Stelle in ihrer numismatischen Abteilung an. Er wurde schließlich deren Leiter und einer der Direktoren dieser Bank. Bis zu seinem Tod hatte er dort ein Büro.

Bekannt unter den Münzsammlern der Welt wurde er vor allem durch die Auktionen antiker Stücke. Deren Kataloge und die Herausgabe der Zeitschrift "Schweizerische Numismatische Rundschau" machten ihn einerseits berühmt und andererseits mehrten seine wissenschaftlichen Abhandlungen sein Ansehen. Er erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, zum Beispiel den Ehrendoktortitel der Universität Tübingen.

Davon, welche 50 Münzen zu seiner Traum-Sammlung gehören sollten, hatte Leo Mildenberg eine genaue Vorstellung. Er bedauerte, das Geld für solche Kostbarkeiten nicht zu haben. Er wurde aber durch eine andere Sammlung weltweit bekannt. Er sammelte nämlich Kleinplastiken der Antike.

Es waren "Tiere in Frieden und Freiheit", nicht also Tiere beim Kampf oder Pferde mit Zaumzeug. Manchen, die er besonders mochte, gab er einen Namen. Ein besonders schönes und kostbares Nilpferd nannte er Hubert. Seine Sammlung wurde in den USA, in Europa und in Israel ausgestellt. Es gibt mehrere Kataloge, auch einen in deutscher Sprache. Leo Mildenberg hatte verfügt, dass "seine Tiere" nach seinem Tode wieder frei gelassen werden. Das hieß, sie wurden versteigert. Deshalb gab es 2004 noch einmal Kataloge "seines Zoos" für die Versteigerung bei Christie´s.

Leo Mildenberg war zwar klein von Statur, aber offenbar bis zuletzt voller Energie. Und er bestand auf äußerste Korrektheit: Er wollte, dass alles, was man über ihn berichten wollte, von ihm gegengelesen wurde. Deshalb kam nicht mehr zur Veröffentlichung des erwähnten Interviews. Leo Mildenberg starb am 14. Januar 2011 in Zürich. Von der Schweiz aus hat er sich um das Schicksal der Juden in Mergentheim gekümmert. Er half Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die nach dem Krieg entstanden war, aber nicht lange bestand, zum Beispiel mit Medizin. Er hatte zu seinem großen Leid feststellen müssen, dass seine Mutter 1942 in Auschwitz umgebracht worden war. Auch Cousins und Cousinen waren Opfer des Rassenwahns geworden. Seine Tante Ida und ihr Mann, der Mergentheimer Kurarzt Dr. Simon Hirnheimer, konnten 1938 zwar noch nach Palästina auswandern, lebten dort aber unter elenden Bedingungen.

Als die überlebenden Juden der Stadt Mergentheim 1983 eingeladen wurden, fiel es Leo Mildenberg schwer, in der Stadt seiner Jugend mehrere Tage zu bleiben. Vermutlich deprimierte es ihn, dass in der Stadt, in der er eine glückliche Jugend verbracht hatte, das jüdische Leben verschwunden war und es nur wenige Hinweise darauf gab. Seiner Schule gedachte er aber weiterhin mit Dankbarkeit unter anderem dadurch, dass er ihr die Sammlung seiner Studien zur antiken Numismatik, die "Vestigia Leonis" (Spuren des Löwen), übergab.

© Fränkische Nachrichten, Donnerstag, 14.02.2013
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