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Valentinstag: Tagebuch erzählt Liebesgeschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs / Erna verliebte sich in den neun Jahre jüngeren Jo, während ihr Ehemann in Gefangenschaft war

„Könnte ich glauben, im Paradies zu sein“

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Jahn

Vielleicht trafen sich Erna und Jo einst an einem solchen geheimen Platz? "Ich sehne mich nach Dir, dürfte ich immer bei Dir sein und würdest Du mich immer liebhaben, könnte ich glauben, im Paradiese zu sein!" Mit diesem Satz endet das Tagebuch der jungen Frau. Sie sehnte sich nach dem neun Jahre jüngeren Jo, während ihr Mann im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft war.

© dpa/Jahn

Neulussheim. Sie starrte auf den Brief, den ihre Hände auf dem Schoß hielten. Was Erna fürchtete, war eingetreten: Ihr Ehemann, der fünf Jahre im Osten vermisst war, lebte und würde zurückkehren.

"Erna, wo bleibst Du? Das Essen steht auf dem Tisch", rief es von unten. Erna ging wie gelähmt die Treppe hinunter. Es gab Mittagessen: "Linseneintopf, mehr Zeit hatte ich heute nicht. Aber das isst Du ja gern", sagte die Bauersfrau zu ihrer Tochter. "Mir ist nicht gut, ich lege mich noch etwas hin, bevor wir die Kühe einspannen und aufs Feld fahren", meldete sich Erna ab. Die Mutter schaute besorgt nach ihrer Tochter. "Was ist los, was hast Du?" Ohne Worte gab Erna den Brief.

"Er kommt zurück", freute sich die Mutter und rannte die Stufen hinunter zu ihrem Mann. "Bald haben wir Unterstützung, schau doch, Karl kommt aus der Gefangenschaft zurück! Er lebt." Sie reichte ihm das amtliche Schreiben. "Endlich kommt wieder Zucht und Ordnung ins Haus", brummte der Vater. "Hilf mir, mein Gott" betete die damals 28-jährige Erna. Während sie die Egge führte, gingen ihre Gedanken zu Jo. Sie liebte den neun Jahre jüngeren, gut aussehenden Mann. Gleichwohl war ihr bewusst, dass sie verheiratet war. Über Karls Rückkehr aus dem Krieg konnte sie sich nicht freuen. "Heute ist der erste aller Tage, in denen wir uns nicht mehr sehen dürfen", schrieb die Verzweifelte abends am 24. Februar in ihr Tagebuch und sagte diese Worte in Gedanken klagend ihrem Jo. Sie musste es ihm sagen, in seine braunen Augen schauen und ehrlich sein. In ihrem leeren Magen rumorte es. Morgen wollten sie sich an "ihrem" Platz treffen.

Gemeinsamer Tanz im "Bären"

Jo und Erna hatten sich im "Bären" im Kreis der Turnerfamilie kennengelernt. Seine lockere Art, sein feinsinniger Humor, ja sein ganzer Habitus hatte Erna von Anfang an gefallen. Er war groß gewachsen, und die hübschen Hände führten sie sicher beim Tanz. Es tat so gut, sich an ihn anlehnen zu dürfen. Im Freundeskreis spürte man die Sympathie zwischen den beiden.

Aber dieses Damoklesschwert über ihnen! "Bist Du verrückt, dich als Verheiratete mit einem so jungen Mann einzulassen?" stellte Ernas Vater seine Tochter zur Rede. "Er ist neun Jahre jünger als du, auch wenn man das äußerlich nicht sieht. Und was sagen die Leute?" Ja, die Leute! Im Dorf mit seinen damals 3000 Seelen wusste jeder alles von allen. Ein paar Wochen, bevor Karl 1943 zum Militär eingezogen wurde, hatten sie geheiratet. Ihre Eltern befürworteten die Ehe: Karl kam aus gutem und begütertem Hause. Erna erinnerte sich an ihren Schmerz, als sie ihn in den Krieg ziehen lassen musste. Fünf lange Jahre lebte sie das tägliche Einerlei. Als die amtliche Mitteilung kam, dass ihr Mann in Russland vermisst sei, wusste sie nicht, ob sie ihn je wieder sehen würde. Das Leben hatte seine Fäden gezogen.

Das liebe Gesicht von Jo. Niemals würde sie es vergessen, sollte kommen was da wollte. Bis zu ihrem Tod würde sie es in sich bewahren. Und die nun folgenden fünf Wochen, das war ihr klar, musste sie sich von Jo langsam lösen. Trotzdem wollte sie die Zeit auskosten. Nein, sie waren sich nie körperlich zu nahe gekommen. Das verbot ihr die Moral. Aber die Gefühle waren himmelhoch und kostbar.

In ihrem Tagebuch schrieb Erna am 26. Februar: "Heute durfte ich Jo in Heidelberg treffen. Ich möchte immer bei Dir sein. Geht es Dir nicht auch so, Jo? Wenn ich Deine Hand halte, fühle ich mich geborgen. Es war ein schöner Tag für mich."

"Jo, ich hab dich über alles lieb"

Manches Mal war Jo zum Treff gekommen, hatte sie in die Arme genommen und war recht wortkarg. Erna fragte dann, ob sie etwas falsch gemacht habe. Hatte sie nicht. Aber auch er hatte im Elternhaus wegen dieser Beziehung große Schwierigkeiten. Der Vater tobte mit seinem lauten Organ: "Du bist Dir nicht im Klaren, was Du da tust. Wie stellst Du Dir Dein Leben vor mit einer verheirateten Frau, die älter ist als Du?" Doch er liebte diese gescheite junge Frau.

Sie hielten sich am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit fest umarmt: Karls Rückkehr besiegelte das Ende. Eine Woche vor der Rückkehr steht in Ernas Tagebuch: "Könnte ich doch ein neues Leben beginnen. Wenn ich daran denke, dass ich einem Menschen alles zerstören will! Ob es da nicht besser ist, meine Liebe zu opfern? Mein Herz nicht zu hören? Es ist sehr schwer und ich habe schon oft gebetet. Jo, ach Jo, ich hab Dich über alles lieb."

Jos Inneres war durcheinander. Er durfte die Liebste nicht mehr sehen, ihr Ehemann kam dieser Tage aus der Gefangenschaft zurück.

Der letzte Tagebucheintrag am 2. April: "Wieder kein Kärtchen von Dir. Und ich hoffte darauf wie ein kleines Kind. Es ist das einzige, auf das ich warte - und Du enttäuschst mich. Ich sehne mich nach Dir, dürfte ich immer bei Dir sein und würdest Du mich immer liebhaben, könnte ich glauben, im Paradiese zu sein!".

Die kommenden Jahre waren ausgefüllt mit Karl an ihrer Seite. Sie bekamen drei Kinder. Das Tagebuch hielt Erna gut verborgen. Irgendwann ließ sie es Jo zukommen. Auch Jo fand etwa drei Jahre später eine Frau. Sie hatten eine gemeinsame Tochter.

Der Alltag kehrte ein. Das Tagebuch, das Band zur Geliebten, bewahrte Jos Tochter später wie einen Schatz auf. Genau zum Datum des letzten Eintrags, am 2. April, starb Erna viele Jahre später. Jo war ihr bereits 20 Jahre zuvor ins Paradies vorausgegangen.

© Hockenheimer Tageszeitung, Donnerstag, 14.02.2013

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