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Im Interview: Diplom-Übersetzerin Barbara Blake bietet mit der Volkshochschule einen den Alphabetisierungskurs „Endlich lesen und schreiben“ für Erwachsene an

Damit Worte endlich Sinn ergeben

Von unserer Mitarbeiterin Katharina Horn

Barbara Blake

© SZ/HTZ

OFTERSHEIM. Briefe schreiben, Formulare ausfüllen oder den Kindern bei den Hausaufgaben helfen: Was vielen Menschen selbstverständlich erscheint, ist für andere eine Herausforderung. Zum zweiten Mal bietet die Volkshochschule Bezirk Schwetzingen (VHS) wöchentlich einen Lese- und Schreibkurs (Alphabetisierungskurs) für Erwachsene auch in der Theodor-Heuss-Schule an. Kursleiterin und Diplom-Übersetzerin Barbara Blake (Bild) freut sich über die gestiegene Nachfrage.

Frau Blake, Analphabetismus war lange Zeit ein Tabuthema. Hat sich das in den vergangenen Jahren geändert?

Barbara Blake: Absolut, denn es werden seit 40 Jahren Alphabetisierungskurse angeboten, aber viele Jahre bestand dafür keine Nachfrage. Mittlerweile organisieren Bund, Länder, Volkshochschulverbände und Gewerkschaften Kampagnen, die eine Verbesserung der Lese-und Schreibkenntnisse bei Erwachsenen anstreben. Trotzdem ist es noch immer schwer, die Betroffenen zu erreichen. Wir sind darauf angewiesen, dass Angehörige, Freunde oder Bekannte die Erwachsenen auf das Angebot aufmerksam machen. Bis die Menschen sich durchringen, einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen, vergehen oft Jahre. Schließlich verbinden die meisten mit dem Lesen und Schreiben nur negative Erinnerungen. Nicht selten müssen deshalb erst mal Blockaden gelöst werden.

Von Analphabetismus gibt es mehrere Definitionen: Primärer (natürlicher) Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat.

Von sekundärem Analphabetismus spricht man, wenn nach einem erfolgreichem Schulbesuch ein Prozess des Vergessens einsetzt, bei dem erworbene Schriftkenntnisse wieder verloren gehen. Beim Semianalphabetismus können Menschen zwar lesen, aber nicht schreiben.

Als funktionaler Analphabetismus oder Illettrismus wird die Unfähigkeit bezeichnet, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es im sozialen Kontext als selbstverständlich angesehen wird. Funktionale Analphabeten sind Menschen, die zwar Buchstaben erkennen und in der Lage sind, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben, die jedoch den Sinn eines Textes entweder gar nicht oder nicht schnell und mühelos verstehen, um Nutzen davon zu haben.

Seit 2011 gibt es Zahlen zur Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland. Die Studie "leo. - Level-One Studie" hat die Literalität von Erwachsenen (18 bis 64 Jahre) untersucht. Demnach sind 7,5 Millionen Erwachsene (14,5 Prozent) aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenz nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben und sind somit funktionale Analphabeten.

Der Prozess vom Analphabetismus bis zur Lesefähigkeit wird Alphabetisierung genannt.

Alphabetisierungskurse fördert die Bundesagentur für Arbeit verschiedentlich. Nachfragen lohnt sich.

Infos und anonyme Beratung gibt es unter der kostenlosen Hotline des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung: 0800/53 33 44 55. kaba

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Was macht man, um diese Blockaden zu lösen?

Blake: Die Lerngruppe ist mit fünf bis sieben Teilnehmern relativ klein und die Betreuung daher individuell. Ich achte auf die unterschiedlichen Lerntypen. Manche Menschen sind eher haptisch veranlagt und müssen die Buchstaben anfassen, um sie später lesen und schreiben zu können. Andere benötigen absolute Ruhe und lernen lieber visuell, die Silben zusammenzusetzen. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Kursteilnehmer über ihre Hobbys und Interessen zu erreichen. Letzten Endes entwickelt man für jeden Schüler ein maßgeschneidertes Konzept.

Das klingt nach viel Arbeit und einer intensiven Kursvorbereitung.

Blake: Ja, die Vorbereitung ist zeitintensiv. Die Arbeitsblätter werden für jeden nach Bedarf geplant. Manche haben Probleme mit spezifischen Buchstabenkombinationen wie "sp" oder "äu", während andere bereits Texte schreiben können. Das muss man getrennt fördern. Es ist aber immer wieder schön, den Fortschritt der Erwachsenen zu beobachten. Bei vielen Teilnehmern stellt sich regelrecht ein Glücksgefühl ein, wenn sie, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein, lesen und schreiben können.

Welches Wort ist das erste, das Sie den Erwachsenen beibringen?

Blake: Das kann man so pauschal nicht sagen. Auch hier kommt es wieder auf den Kenntnisstand der Betroffenen an. Viele Kursteilnehmer sind funktionale Analphabeten, das heißt, sie können einen einzelnen Satz lesen oder auch schreiben, geben aber schon bei kurzen Texten auf, weil sie zu lange brauchen. Vor der Aufnahme in den Kurs schaue ich im Einstufungstest immer, welches Wissen die Erwachsenen mitbringen. Dann überlege ich mir, was man daraus machen kann.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Blake: Wenn ein Kursteilnehmer nur seinen Namen niederschreiben kann, zeige ich ihm, dass er mit diesen Buchstaben, wenn man sie neu zusammensetzt, auch andere Wörter kreieren kann.

Es ist ein langer Prozess, bis sich Betroffene für eine Kursteilnahme entscheiden. Sind die Erwachsenen im Unterricht motiviert?

Blake: Die Kursteilnehmer sind sehr motiviert. Viele haben nun klare Ziele wie die Führerscheinprüfung oder eine Weiterbildung vor Augen und üben neben den Hausaufgaben häufig sogar noch zusätzlich.

Das ist Ihr zweiter Kurs. Wie sind Ihre Erfahrungen, machen viele den Kurs nach den Sommerferien weiter?

Blake: Das ist unterschiedlich. Einige hören auf, wenn sie ihr persönliches Ziel erreicht haben, andere machen weiter. Mein Ziel ist es nicht, die Erwachsenen zum Weitermachen zu drängen, ich unterstütze das, was die Teilnehmer wollen.

© Schwetzinger Zeitung, Freitag, 15.02.2013

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