Ausbildungsserie:
Das Bürstädter Familienunternehmen von Dungen sucht seit zwei Jahren einen Auszubildenden
Aufs Dach gestiegen
Von unserem Redaktionsmitglied Corina Merkel
Bürstadt.
Die Bretter knarren. Viele Meter geht es an der Seite nach unten. Gerhard Held schreitet voran. "Schwindelfrei sollte man schon sein - und körperlich robust natürlich." Eine Leiter führt vom Gerüst auf das Dach. Wenn die vielen blauen Auffangnetze die Sicht auf die Bergstraße frei geben, dann fühlt sich der Dachdecker am wohlsten.
Er ist Meister und Betriebsleiter bei der Bürstädter Dachdeckerei von Dungen. Das Unternehmen sucht bereits seit zwei Jahren einen Auszubildenden - und findet keinen. "Wir hatten einige Bewerber", sagt Held. Der Richtige sei aber leider nicht dabei gewesen. Einer schaute im vergangenen Jahr für ein Praktikum vorbei. Einige Tage sollte er auf dem Bau mitarbeiten. "Es war Sommer, aber auf dem Dach war es windig", erinnert sich Held. Der junge Mann habe bereits nach einigen Tagen eine Lungenentzündung bekommen. Der Dachdeckermeister schüttelt den Kopf. "Wer auf dem Dach arbeiten möchte, der muss das Wetter aushalten können."
Es ist 10 Uhr morgens - und kalt. Held klettert routiniert das Gerüst hinauf, schiebt sich geschickt durch enge Stellen hindurch bis zum dunkel gedeckten Dach. Die Baustelle, auf der er und sein Kollege nun seit sieben Wochen arbeiten, ist in Bensheim. Ein altes Haus, das ein Privatmann gekauft hat und nun renovieren lässt. Dabei hat er festgestellt, dass auch das Dach undicht ist, und die Firma von Dungen beauftragt.
Ausbildung zum Dachdecker
2011 gab es zum Jahresende 451 Lehrlinge
in Baden-Württemberg, die sich zum Dachdecker ausbilden
ließen, teilt die Dachdeckerinnung Baden-Württemberg mit.
Zu Beginn des laufenden Ausbildungsjahres verzeichnete
die Innung 414 gemeldete Lehrlinge im ersten, zweiten
und dritten Ausbildungsjahr. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre. Mit dem Erwerb des Meisterbriefes
erhält ein Lehrling gleichzeitig Zugang zu Hochschulen
und Unis. Die Dachdeckerei von Dungen sucht derzeit einen Auszubildenden.
Bewerbungen schriftlich an
von Dungen KG,
Boxheimerhofstraße 32,
68642 Bürstadt.
Das Haus steht unter Denkmalschutz, hat eine Dachfläche von etwa 400 Quadratmetern. "Dieses Dach hier haben wir mit Schieferplatten gedeckt - ein schönes Material", schwärmt Held. Doch jede der grauen Natursteinplatten hat eine andere Größe. "Eine Herausforderung für jeden Dachdecker." Rechnen sollten Bewerber deshalb können, außerdem genügend Kraft haben, um schwere Dinge über das Gerüst zu tragen. Und sie sollten sich mit Wärmedämmung auskennen. "Das ist momentan ein sehr wichtiges Thema", sagt Held. Die Hausbesitzer wollen, dass möglichst wenig Energie übers Dach entweicht.
Den letzten Auszubildenden konnte die Firma von Dungen nicht übernehmen, den davor aber schon. "Wer bei uns anfängt und gut ist, der hat auch gute Chancen", versichert Held. Die Auftragslage bei der Bürstädter Firma ist im Moment sehr gut, in den kommenden Jahren sieht Geschäftsleiterin Tatjana von Dungen keine Probleme. "Die Leute wollen ihre Häuser so sanieren, so dass sie möglichst viel Energie sparen können. Das kommt uns natürlich zugute."
Warum sich trotz der guten Lage immer weniger Menschen für den Beruf des Dachdeckers entscheiden, kann von Dungen auch nicht so recht sagen. "Es gibt momentan wohl einfach Berufe, die angesagter sind", vermutet sie. Oftmals wüssten Jugendliche auch nicht, was sich hinter der Berufsbezeichnung eigentlich verbirgt. "Es ist ein toller Job. Am Ende hat man immer ein Ergebnis vor Augen, auf das man stolz sein kann", sagt die Geschäftsleiterin. Außerdem müsse der Dachdecker noch viel mehr können, als bloß die Ziegel zu befestigen: Mathematik, Bauphysik und die energetische Sanierung stehen auf dem Ausbildungslehrplan der Berufsschule in Karlsruhe. Zum Aufgabenbereich des Dachdeckers gehören auch die Wand- und die Kellerabdichtung.
"Das sieht schon toll aus"
Auch Frauen können sich auf die freie Ausbildungsstelle bewerben. "Das kann ich mir auch vorstellen. Mit Frauen haben andere Unternehmen schon gute Erfahrungen gemacht", weiß von Dungen. Dachdecker-Meister Held schaut voller Stolz auf die Schieferplatten, dann auf die Zinkverkleidungen der Fensterbänke. "Das sieht schon toll aus", sagt er und streicht mit der Hand darüber. Sein Kollege und er sind an dieser Baustelle fast fertig. "Später kann man dann mit seiner Familie an diesem Gebäude vorbeilaufen und stolz erzählen: Schau mal, das Dach habe ich gedeckt. Das ist doch eine tolle Sache, oder nicht?"
Alle Teile unserer Serie unter www.südhessenmorgen.de
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