Gesundheit:
Bronchitis, Bandscheibe, Blutabnahme – Einblick in den Alltag eines Landarztes im Pfälzerwald / Abschluss unserer Serie „Operation Gesundheit“
Seelentrösterin ländlicher Idylle
Von unserem Redaktionsmitglied Inna Hartwich
Die Not ist groß in der Provinz. Viele Landarztpraxen stehen leer, Mediziner fehlen. Im pfälzischen Elmstein füllt sich der Warteraum dagegen Tag für Tag. Hier kümmert sich Frank Seifert teilweise um 120 Patienten in zwölf Stunden - ein bewegter Alltag des "Herrn Doktor".
Er fährt ihr behutsam über die Schulter. Sie rührt sich nicht. Starr liegt sie da, in ihrem Bett, die Pantoffeln ordentlich davor gestellt, das Glas Wasser unberührt. Er macht einen Schritt auf sie zu. "Wie ist es?", fragt er. Stille. Dann wacht sie auf, richtet ihre Augen auf ihn. Diese Augen, tiefblau, wach. "Gut", sagt sie. Und einen Moment später "elend."
Er - der Arzt, sie - die Patientin. Seit Jahren schon betreut Frank Seifert die 87-jährige Inge Bauer* (Namen der Patienten geändert). Der Allgemeinmediziner aus Elmstein fährt zu ihr raus, hört das Herz ab, die Lunge, verschreibt Medikamente. Doch das Alter nagt an der Pfälzerin. Sie isst nichts mehr, trinkt nicht, bleibt nur noch im Bett liegen - hier in Iggelbach, bei ihrer Tochter und den Enkelkindern. Der 39-Jährige, immer einen medizinischen Ratschlag auf den Lippen, weiß einen Moment nicht weiter. Frank Seifert schluckt, weicht zurück von Inge Bauers Bett, überlegt. "Was tun?" Er stellt diese Frage sich selbst, der Tochter - einfach leise in den Raum hinein, in den eine drückende Schwere einzieht.
Seit 2007 führt Frank Seifert seine Praxis in Elmstein, diesem 2600-Seelen-Dorf bei Bad Dürkheim. Idyllisch ist es hier. Bunt aneinandergereihte Häuschen, eine Hauptstraße, die sich durch den Ort schlängelt, die Burgruine aus dem Mittelalter, eine Bushaltestelle am Friedhof. Das Leben plätschert vor sich hin, und der Parkplatz in der Möllbachstraße füllt sich mit Autos. Morgens um acht kommen die ersten Patienten, nehmen Platz im Labor, strecken der Sprechstundenhilfe Petra Wilden ihren Arm entgegen. Blutabnahme. Frank Seifert packt da gerade seinen schwarzen Arztkoffer zusammen, zu Hause in Schafhof, nur zwei Kilometer von seiner Praxis entfernt.
Im Warteraum sitzen derweil zehn Menschen. 1150 Patienten hat der Arzt, bis zu 120 können es an einem Tag werden. Dienstags und donnerstags hält er die Sprechstunde auch abends ab - bis 20.30 Uhr stehen die Türen offen. "Herr Doktor, mein Fuß, diese Schmerzen", "Herr Doktor, der Kopf, der drückt so", "Herr Doktor, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, der Rücken, das Bein, der Arm, der Magen." Und der "Herr Doktor" hört zu, hört ab - er ist zugleich Arzt, Psychologe, Beichtvater.
Ein "stetes Dasein" nennt das der Mediziner, der sich nach Jahren im Mannheimer Klinikum, nach Notdiensten und Praxisvertretungen quer durch die Region eines Tages gesagt hat: "Ich werde Landarzt." Da war Karl-Heinz Feiner gerade dabei, seine Praxis in Elmstein aufzugeben, wie so viele Ärzte auf dem Land - kein Nachfolger da. Die Jungen, die wollen das städtische Leben, kein weites Land mit vielen Dörfchen. Die ziehen in Gebiete mit vielen Privatpatienten - das gibt mehr Geld. Oder sie gehen ganz weg, in die Schweiz, nach Großbritannien. Frank Seifert kennt solche Sätze. Und handelt genau andersherum.
Briefkasten erinnert an Vorgänger
Ein Kollege aus Lambrecht bringt den Alten und den Jungen zusammen. Feiner, der Alte, ist da bereits fast 67 Jahre - genau die Zahl, an der die damals gesetzlich verordnete, mittlerweile aber aufgehobene Altersbeschränkung einsetzt. Seifert, der Junge, fährt nach Elmstein, arbeitet eine Woche Probe - und bleibt. "Die Stimmung in der Praxis war einfach sehr gut", sagt er. Ein neues Ultraschall-Gerät, ein Langzeit-EKG, und die Praxis eröffnet unter dem neuen Namen. Am Briefkasten neben der Tür steht immer noch Dr. Feiner, doch hier, zwischen Bestrahlung, Labor, Ultraschall, EKG und Sprechzimmer, ist längst Dr. Seifert am Werk.
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