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Fußball: FIFA-Boss behauptet, bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland habe es Unregelmäßigkeiten gegeben

Entsetzen über Blatters Retourkutsche

Archiv-Artikel vom Montag, den 16.07.2012

Vom FIFA-Ehrenpräsidenten João Havelange ist Fußball-Weltverbandschef Joseph Blatter inzwischen abgerückt. An einen eigenen Rücktritt denkt er nicht.

© dpa

Frankfurt. Der schwer unter Druck geratene Joseph Blatter hat gegen den auf Distanz gegangenen Deutschen Fußball-Bund zum verbalen Konter ausgeholt. In einem Interview der Schweizer Boulevardzeitung "SonntagsBlick" deutete der FIFA-Präsident Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland an.

"Gekaufte WM . . . Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv", sagte Blatter. Auf die Nachfrage, ob er vermute, dass die WM gekauft worden sei, antwortete der FIFA-Boss: "Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest."

Der DFB dementierte. "Diese nebulösen Andeutungen sind völlig haltlos und scheinen vor allem den Zweck zu haben, von den aktuellen und aktenkundigen Vorgängen ablenken zu wollen", sagte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock.

Auch Beckenbauer dementiert

Auch "Kaiser" Franz Beckenbauer, der die WM als Chef des Organisationskomitees nach Deutschland geholt hatte, bestritt Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe. "Ich kann die Äußerungen und Andeutungen von Sepp Blatter nicht nachvollziehen. Er irrt ja schon beim Ergebnis. Es war 12:11 für uns, nicht 10:9. Entscheidend war, dass die acht Europäer geschlossen für uns gestimmt haben", sagte Beckenbauer.

Die schwammige Aussage von Blatter ist eine Retourkutsche des FIFA-Chefs, der wegen seiner Verharmlosung der FIFA-Korruptionsaffäre vor allem aus Deutschland heftig kritisiert und von Ligapräsident Reinhard Rauball sogar zum Rücktritt aufgefordert worden war. "Ich spreche für das gesamte DFB-Präsidium, wenn ich sage: Wir sind erschüttert. Es ist ein schockierender Fakt", sagte DFB-Boss Wolfgang Niersbach zum Ausmaß des Skandals und stellte Blatter an den Pranger.

"Genauso schockiert bin ich über die Reaktion des FIFA-Präsidenten. Wenn nicht unbedeutende Entscheidungsträger der FIFA offensichtlich Geld kassiert haben und dann gesagt wird, es war damals nicht verboten, ist das eine Reaktion, von der wir als DFB uns nur total distanzieren können", erklärte Niersbach. Anders als Rauball wollte Niersbach öffentlich keine Konsequenzen fordern: "Die Frage nach einem Rücktritt kann nur der Betroffene selbst beantworten."

Doch Blatter denkt gar nicht daran, das Handtuch zu werfen. "Rauball hat mich angerufen und mir gesagt, ich solle zurücktreten. Ich sagte ihm, das sei nicht so einfach, wie er sich das vorstelle. Schließlich bin ich vom Kongress gewählt", sagte der Chef des Fußball-Weltverbandes.

Immerhin ist der Schweizer nun doch von Ehrenpräsident João Havelange abgerückt. "Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen. Ich werde beantragen, dass das Thema beim nächsten Kongress behandelt wird", sagte Blatter. dpa

© Mannheimer Morgen, Montag, 16.07.2012
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