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Olympia: IOC-Exekutive streicht Traditionssportart überraschend aus dem Programm der Sommerspiele ab 2020

Ringen vor dem Absturz ins Bodenlose

Weltbekannte Ringer-Historie: Der inzwischen verstorbene Wilfried Dietrich (rechts) hievt bei den Spielen 1972 in München den Amerikaner Chris Taylor aus.

© dpa

Lausanne. Das olympische Ringen hat ein Ende. Nach dem angekündigten Olympia-Aus in Lausanne durch das Internationale Olympische Komitee droht dem Traditionssport der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. "Eine olympische Sportart muss Tradition und Fortschritt verbinden", erklärte IOC-Vize Thomas Bach die Entscheidung der 15-köpfigen Exekutive, Ringen zur Streichung aus dem Programm der Spiele von 2020 an zu empfehlen. Durch den überraschenden Beschluss behält der Moderne Fünfkampf - vor der Sitzung noch Streichkandidat Nummer eins - seinen Olympia-Status.

Fassungslos kommentierte Deutschlands langjähriger Vorzeige-Ringer Alexander Leipold den schmerzhaften Schlag. "Ich bin geschockt, ich kann es gar nicht glauben", sagte der Sieger des Olympiaturniers von 2000. "Ringen ist Schach auf der Matte, Ringen ist die Traditionssportart, die von Anfang an dabei ist. In den USA, im Iran, Aserbaidschan, Georgien, Russland oder Kasachstan sind es Volkssportarten."

In einer Stellungnahme reagierte die FILA-Spitze mit "großem Erstaunen" auf das IOC-Urteil. "Die FILA wird alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, die IOC-Exekutive und IOC-Mitglieder vom Irrtum ihrer Entscheidung gegen eine der ursprünglichen Sportarten der antiken und modernen Olympischen Spiele zu überzeugen", hieß es. Ringen habe stets alle IOC-Regeln eingehalten und sei in 180 Ländern vertreten.

Weiterentwicklung fehlt

Die fehlende Weiterentwicklung, ein wenig glaubwürdiges Anti-Doping-Programm und die zu große finanzielle Abhängigkeit der Mattenkämpfer vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) deuteten die Olympier als Hauptargumente für ihre ablehnende Haltung an. Tatsächlich scheint Ringen ohne die millionenschwere IOC-Unterstützung nur schwer überlebensfähig. "Es ist nicht das Ende des Sports, Ringen wird es immer geben", sagte Leipold beinahe trotzig.

In Rio de Janeiro steht der Internationale Ringerverband (FILA) nun vor seiner Abschiedsvorstellung, auch weil sich die FILA-Funktionäre ihrer Sache zu sicher schienen und keinerlei Lobbyarbeit betrieben.

Zum Ende der geheimen Abstimmung im Palace Hotel von Lausanne standen neben dem Ringen und dem Modernen Fünfkampf unerwartet auch Hockey und Kanu zur Disposition. "Einen musste es treffen", kommentierte das zweite deutsche IOC-Mitglied, Claudia Bokel, pragmatisch, "es war eine sehr schwere Entscheidung."

Detaillierte Analyse

Das IOC begründete seinen Entschluss offiziell unter anderem mit den niedrigen Werten, die das Ringen bei einer detaillierten Analyse aller 26 olympischer Sommersportarten bekam. Dabei hatte die Programm-Kommission des IOC insgesamt 39 Kriterien wie TV-Quoten, Zuschauerzahlen, Ticketverkäufe, Verbreitung, Mitgliederzahlen und Attraktivität für Jugendliche untersucht. "Ich war baff", meinte der Schweizer René Fasel, Vorsitzender der Vereinigung aller Wintersportverbände zum Ergebnis.

IOC-Präsident Jacques Rogge hatte bereits zweimal vergeblich versucht, sein Premiumprodukt Olympia auch auf Kosten des Modernen Fünfkampfes zu modernisieren. Er hatte bei seinen Reformvorstößen auf der Session 2002 in Mexiko-Stadt und 2005 in Singapur aber jeweils empfindliche Niederlagen erlitten. Und auch dieses Mal retteten die Modernisierungsmaßnahmen des deutschen Weltverbandspräsidenten Klaus Schormann die Mehrkämpfer vor dem prophezeiten Ausschluss.

Mit einem offenen Brief hatte er an die olympische Familie appelliert, "das Vermächtnis von Pierre de Coubertin" nicht zu zerstören. Der französische Neubegründer der Spiele hatte den Modernen Fünfkampf stets als Inbegriff des Olympismus bezeichnet hatte.

Jetzt hat es Ringen erwischt - eine der klassischen Sportarten der Antike. dpa

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 13.02.2013
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