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Salzburger Festspiele: Bei der Uraufführung der Oper „Dionysos“ des Karlsruhers Wolfgang Rihm irritiert vieles

Wenn Kunst zur Diktatur wird

Archiv-Artikel vom Montag, den 02.08.2010

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Salzburg, 2010. Wir erleben "Dionysos", die neue "Opernfantasie" des Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm. Rihms Musik ist wieder wie ein gewaltiges Klangfenster in Vergangenes. Vom Bach-Choral über "Rheingold"-Partikel bis hin zu neuartig scheinenden Klangschichtungen schießen uns jede Menge Töne und jede Menge Worte in die Ohren. Das Ganze ist ein buntes Sammelsurium, ein rauschhafter Blick auf Friedrich Nietzsches verworrene "Dionysos-Dithyramben" - und ein Blick zurück ohne Zorn darauf, dass Neues nur aus Destillaten des Alten entsteht. Salzburg mag solches Musiktheater, das niemanden provoziert und allen gefällt - außer einigen, die skeptisch werden und fragen: Ist das die Zukunft der zeitgenössischen Musik?

Wir erleben aber auch noch etwas anderes: Die Kunst verselbstständigt sich, macht sich - im Sinne einer ars gratia artis - frei von Zweck, von Narration. Sie diktiert. Daran ist der Performancekünstler Jonathan Meese schuld, der hier mächtige Bühnenbilder erfunden hat nach dem Motto: "Ich kenne das Libretto und das Musikalische im Grunde gar nicht, aber das ist auch nicht so wichtig. Ich brauche nur ein paar Stichworte."

Wohlgemerkt: Dies wird Meese hier nicht unterstellt. Er hat es tatsächlich gesagt und damit ein Stück weit das Problem dieses Abends geschildert. Seine proklamierte "Diktatur der Kunst" funktioniert nur, wenn diese Diktatur von ihm, Meese, ausgeübt wird, er also statt sich mit der Kunst der anderen zu verbinden und zu verbünden alles andere bildmächtig überlagern kann.

Verschwindet das Werk?

Und das tut er. Es ist bezeichnend, dass wir, obwohl wir über ein neues Musiktheater-Werk schreiben, nach dem Komponisten zuerst an den Ausstatter denken. Die Frage etwa, was Pierre Audi, der Regisseur, tatsächlich gemacht hat, kommt spät, obwohl die fast etwas unbeholfene Personenführung schon auffällt.

Hat Meese also das eigentliche Werk, Rihms "Dionysos", das im Gegensatz zu Meeses Bildern vermutlich überleben wird, zum temporären Verschwinden gebracht?

Zum Glück nicht ganz. Rihm widmet sich hier den "Dionysos-Dithyramben", einem poetischen Spätwerk Nietzsches, in dem der Philosoph schon ziemlich geistig umnachtet wirkt. Dieses Text-Gewächs, wie Rihm es nennt, ist nicht Lyrik, nicht Prosa und nicht Theater. Es ist - schrecklich zerfahren. Daraus hat Rihm eine Abfolge von vier Szenen gemacht, in denen ein gewisser N. - gemeint ist Nietzsche alias Dionysos - sich selbst sucht. In der Verführung. In der Sexualität. Im Glauben. In der Kunst. Im Rausch. Und am Ende, wenn die Worte um "Wüste", "Tod" und "Seligkeit" kreisen, also die Erlösung nahe ist, trennt N. sich von sich selbst. Er streift seine Haut ab, die in Ariadnes Arme fällt. Der Geist kann jetzt nur noch transzendieren, er löst sich in Rihms Musik auf, die am Ende leichter klingt, ohne jeden Öl-Gemälde-Ballast des 19. Jahrhunderts.

Okay, es findet statt

Eindrucksvoll zu erleben ist das schon. Rihm bleibt, bei aller Dekonzentration und Ausuferung in diesem speziellen Fall, ein Meister des Timings. Entwicklungen, Phrasen und Klangfelder dauern nie zu kurz oder zu lang, und ein Gefühl, was er der menschlichen Stimme zumuten kann, hat er ohnehin. Doch verbindet sich die darstellende nicht mit der bildenden Kunst. Okay, die ansatzweise Handlung der vier Bilder, der betörende, stratosphärische Gesang Mojca Erdmanns (Ariadne) und die gewaltige darstellerische und sängerische Kraftleistung Johannes Martin Kränzles (N.) sowie das sensible Musizieren des DSO und der Wiener Staatsopernchor finden zwar dort, in Meeses Bühnenraum, statt. Aber sie könnten genauso auch auf leerer Bühne stattfinden.

Wir sehen: Meeses große Bebilderung. Ein riesiges Augenpaar. Einen riesigen schwarzen Berg. Ein riesiges, missgestaltetes Gesicht. In der Mitte immer wieder: Nietzsches riesiger Bart. Meese: "Der Bart ist ja das Größte und Beste an Nietzsche." Solche Aussagen sind provokant und blöde. Aber Meese beschäftigt sich auch nicht mit Nietzsche. Er spielt nur mit ihm. Vielmehr aber interessieren ihn wohl noch seine eigenen Botschaften, die immer wieder auf die gleiche Forderung hinauslaufen: "Kunst an die Macht!", das Meese auf ein großes Transparent - immer wieder kindlich einfach illustriert - geschrieben hat.

So öffnet der Abend keine inneren Räume, sondern verschließt sie, weil sie sonst überlaufen würden vor dramaturgischen Widersprüchen. Gern würde man Rihms "Dionysos" noch einmal in konzentrierter Form erleben, in einer, bei der das Theater und die Musik verschmelzen zu dieser wunderbaren Kunstgattung, die wir oft Oper nennen - oder Musiktheater.

© Mannheimer Morgen, Montag, 02.08.2010
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