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Das Urfahrrad

Archiv-Artikel vom Samstag, den 30.04.2016

Die Erfindung von Karl Drais ersetzte im Jahr 1817 während einer Hungersnot Reitpferde – neue Quellenfunde bestätigen das damalige Pferdesterben.

Hans-Erhard Lessing

Im April 2015 jährte sich der Ausbruch des Vulkans Tambora östlich von Bali zum 200. Mal. Seit 100 Jahren erst weiß man, dass die Hungerkatastrophe 1816/17 hierzulande und weltweit von ebendiesem Vulkanausbruch ausgelöst wurde. Es war die letzte große Überlebenskrise des Abendlands, wie es ein amerikanischer Historiker formulierte. Vulkanstaub und saure Aersole hatten sich bis in die nördliche Stratosphäre ausgebreitet und zu Dauerregen im Sommer geführt.

Durch die Publikationen hierüber ist uns im vergangenen Jahr das Ausmaß von Missernte und Hungersnot infolge dieser Tambora-Kälte erst richtig bewusst geworden. Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull hatte 2010 mit der Flugverkehrssperre unmissverständlich klar gemacht, dass die Menschheit von katastrophalen Vulkaneruptionen auch künftig nicht verschont bleiben wird.

Zeitungen unterlagen Zensur

Der Saarbrückener Klimahistoriker Wolfgang Behringer hat darauf aufmerksam gemacht, dass ein bisher unbeachteter Faktor das Vergessen der Hungerkatastrophe im eigenen Land beschleunigt hat: die obrigkeitliche Zensur damals. Jede Zeitung, jedes Buch oder sonstige Druckschrift musste vor dem Druck vom lokalen Zensor genehmigt werden, der auch das fertige Druckergebnis nochmals überprüfte. Bei Zuwiderhandlung wurden alle gedruckten Exemplare beschlagnahmt - ein herber Verlust für den Drucker.

Spätestens als in Frankreich Brotunruhen mit Plünderung von Bäckereien und Mühlen ausbrachen - wie schon einmal vor der Französischen Revolution - wurde von der Zensur alle Berichterstattung über die Hungerkatastrophe unterbunden - wegen Gefahr der Ansteckung.

Lediglich die Marktstatistik mit den himmelhohen Preisen für Lebensmittel blieb unzensiert. So konnte man über eine Unruhe mit Kartoffelplünderung in Koblenz nur in englischen Zeitungen lesen. Vielerorts wurde in Zeitungen das Geschehen auch verharmlost oder schöngeschrieben, um nicht zensiert zu werden.

Während dieser vertrackten Situation kann man daher nur unzensierten, handschriftlichen Chroniken vertrauen. Von den zensierten Zeitungen und Büchern her blieb kein Bild der Hungersnot für die Nachwelt.

"Im April war es so kalt wie im Dezember, Regen und Kälte wechselten immer ab - alles hatte Angst und Sorge um die Ernte," berichtet eine Chronik aus dem mittelfränkischen Gunzenhausen. Im Mai ging es weiter: "Gewitter brachten Regen und Stürme, zuweilen noch Schnee, welche die junge Saat nur mühsam aufkommen ließen."

Der ununterbrochene Regen ließ Flüsse und Seen über die Ufer treten und weichte den Boden auf. Ein Schweizer Tagebuch berichtet, "dass Springbrunnen aus allen Löchern kommen und Ströme entstehen, wo niemals zuvor welche gewesen sind." Die Stadt Genf stand bald unter Wasser. Feldfrüchte und Heu verfaultem auf dem Acker. Was von der Ernte vom Regen verschont blieb, zerstörte der Hagel. Scheuern und Kornhäuser blieben leer.

Schon die vier Ernten davor waren schlecht gewesen, und die Truppen der Napoleonischen Kriege hatten die Vorräte aufgebraucht. Hungersnot verbreitete sich unter den Ärmeren. Futtermangel dezimierte das Vieh. Die wenigen Getreidevorräte wurden rationiert und der Verkauf außer Landes verboten. Nur der russische Zar konnte Weizen für die europäischen Verbündeten verschiffen.

Forstlehrer Drais reagiert

Schon 1812 hatte eine Serie von vier schlechten Ernten begonnen, die 1816 durch den kompletten Ernteausfall noch überholt wurde. Karl Drais, der "Weißer-Kragen-Erfinder" ohne Werkstatt, hatte dann 1813 seine vierrädrige Fahrmaschine dem Zaren in Karlsruhe vorgestellt.

Dieser Muskelkraftwagen war eindeutig eine Antwort auf den steigenden Haferpreis seit der Missernte. Denn in seiner Beschreibung formulierte Drais: "In Kriegszeiten, wo die Pferde und ihr Futter oft selten werden, könnte ein solcher Wagen... wichtig seyn." Jetzt herrschte zwar nicht mehr Krieg, aber Hafermangel wegen der Missernte.

Die vom Vater mitfinanzierte Reise zum Wiener Kongress zur Vorführung der Fahrmaschine vor den Fürsten brachte aber nicht das erwünschte Interesse. Denn den Fürsten war offenbar der Haferpreis noch immer nicht bedrohlich genug, um über Alternativen nachdenken zu müssen. Drais wandte sich frustriert anderen Erfindungen zu, etwa solchen für Landmesser oder für Treidelschiffer.

Doch die Folgen der Tambora-Kälte 1817 waren noch schlimmer: "Hungersnoth vor der Thür: Theurung, die jeden geniert; solche Noth, dass man gar nichts anders hört, und es ein jeder hört; man es von einem jeden hört; im Oberland (Südbaden), einige Meilen von hier, ißt man Brot aus Baumrinde, und gräbt todte Pferde aus; Man sieht a l l e n Gräueln entgegen," schrieb die Diplomatenfrau Rahel von Varnhagen aus Karlsruhe.

Der großherzoglich-badische Hoftierarzt in Karlsruhe berichtete zwei Jahre später (als die Not nicht mehr zensiert wurde) von einem zumeist tödlichen Muskelfieber, das 1817 unter den unterernährten Pferden der Gegend grassierte.

Aus dem Königreich Württemberg berichtete eine Chronik Ähnliches: "In der Gegend von Rottweil sollen die Pferde auf dem Anger wieder ausgegraben und ihr Fleisch verspeist worden sein, und das Oberamt Aalen berichtete unterm 30. Januar 1817, daß in einer Schultheißerei des dortigen Bezirks bereits über 25 Pferde geschlachtet und verspeist worden seien."

Rückblickend nennt der Finanzbericht der französischen Abgeordnetenkammer für 1817 in einem Absatz zur Klimakatastrophe das Pferdesterben direkt beim Namen: "Aber zum Ende des nämlichen Jahres 1816, und in den letzten Monaten [1817] sind die unglücklichsten und bisher beispiellosen Ereignisse eingetreten: darunter der Ausnahmezustand einer ständig regnerischen Jahreszeit, Mangel oder schlechte Qualität des Futters, das Pferdesterben etc."

Just in diesem Sommer 1817, als die Not am größten war, kam Drais mit seiner zweirädrigen Laufmaschine heraus, dem Urfahrrad als Reitpferdersatz. Wir wissen nicht, wie genau er darauf gekommen war, und erfahren von Drais im Druck lediglich: "Die Hauptidee ist von dem Schlittschuhfahren genommen". Auch die erste Beschreibung der Laufmaschine durch den Nürnberger Mechanicus Bauer, der damit Drais zuvorkam, druckte kein einziges Wort über die zeitgleiche Hungerkatastrophe. Dies ist angesichts der allgegenwärtigen Zensur nur zu verständlich.

"Lessing-These" belegt

Mit der guten Ernte im Herbst 1817 wurde die Zensur wieder gelockert, und jetzt konnten auch Aussagen der Zeitgenossen zur Hafersituation gedruckt werden: "Da durch die Draisine manches, in der Anschaffung und Unterhaltung so kostspielige Reitpferd als entbehrlich dürfte abgeschafft werden, so stehet zu hoffen, daß der Hafer in Zukunft im Preise fallen werde," schrieb eine Dresdener Zeitung im November.

In Frankreich gab es den Zeitungsartikel des schriftstellernden Comte de Ségur, worin er schrieb: "Der Wunsch, diese merkwürdigen Fuhrwerke zu sehen, die den Luxus von Pferden abzuschaffen und den Hafer- und Heupreis zu senken gedacht sind, war das einzige Motiv meines langen Spaziergangs."

Die "Lessing-These", dass die Erfindung des Zweirads mit dem zeitgleichen Pferdesterben und der Tambora-Kälte zusammenhing, ist nun dank Imdizienbeweisen gut belegt. Noch 1813 hatte der Erfinder diesen Zusammenhang bei seinem Muskelkraftwagen ja selbst geäussert. Beim Urfahrrad 1817 konnte er dies der Zensur wegen nicht drucken lassen. Als die größte Not vorbei und die Zensur gelockert war, bezeugten das dann sogar Zeitgenossen.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 30.04.2016