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Erfahrungsbericht:

Der Flüchtling in meinem Haus

Archiv-Artikel vom Samstag, den 27.02.2016

Zuschauen kann jeder, bedauern auch. Aber ein Asylsuchender unter dem eigenen Dach? Adrienne Friedlaender aus Hamburg hat einen 21-jährigen Syrer bei sich aufgenommen. Wie klappt das Zusammenleben mit einem Fremden? Ein Erfahrungsbericht.

Adrienne Friedlaender

Bilder der Flucht. Jeder kennt sie aus den Nachrichten, hier ein Foto eines verlassenen Bootes an der Küste der griechischen Insel Lesbos. Bekommt man die Geschichte dazu aus erster Hand erzählt, kommt das Geschehen plötzlich sehr nah.

© dpa

Der zwölfjährige Juri (li.) fragte: "Warum nehmen wir niemanden auf?" Der achtjährige Johann (re.) räumte für Moaaz sein Zimmer.

© Friedlaender

Adrienne Friedlaender und Moaaz kochen oft gemeinsam. Dabei sprechen sie über die Unterschiede ihrer Kulturen.

© Friedlaender

Moaaz geht täglich mit Carlos, dem Familienhund, spazieren.

© Friedlaender

Die Berichte in den Nachrichten, die vielen Bilder der Menschen in Not. So viele Flüchtlinge, und keiner weiß wohin mit ihnen. Eines Tages fragte mein Sohn Juri, zwölf Jahre: "Warum nehmen wir eigentlich niemanden auf?" So fing alles an. Und heute lebt Moaaz bei uns, ein 21-jähriger Flüchtling aus Syrien. Wochenlang habe ich mir nach der Frage meines Sohns Gedanken gemacht. Gegrübelt, wie es sein könnte, mit einem fremden Menschen aus einer ganz anderen Kultur unter einem Dach zu leben. Ich hatte Skrupel und Vorbehalte - und die gefielen mir nicht. Also hielten wir Familienrat. Alle vier Jungs zeigten sich begeistert. Wir waren uns einig: Auch wenn unser Haus nicht riesig ist, so doch groß genug, um einen Menschen mehr unterzubringen.

Mein jüngster Sohn Johann (acht Jahre) war bereit, sein Zimmer zu räumen und sich wieder wie früher ein Zimmer mit seinem älteren Bruder zu teilen. "Ich schlafe dann einfach auf dem Sofa, wenn ich am Wochenende nach Hause komme", verkündete mein ältester Sohn Justus (21 Jahre), der zum Studium nach Berlin gegangen ist. Und dem 18-jährigen Jonah lag besonders am Herzen, dass wir einen jungen Mann aufnehmen, damit er gut in unseren "Männerhaushalt" passt.

Angst in den Gesichtern

Eine Freundin von mir hatte bereits einige Wochen zuvor einen jungen Syrer aufgenommen und brachte uns ein paar Tage später in die Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung Schnackenburgallee. Eine Schranke, Container, Sicherheitspersonal und jede Menge Menschen. Die Kinder schauten sich neugierig um. "Besser als im Krieg, aber gar kein schöner Ort zum Leben", sagte Juri. Treffender kann man es wohl nicht ausdrücken.

Die jungen Männer, die bei winterlichen Temperaturen mit Flip-Flops im Regen vor dem Container stehen, sind dem Krieg entkommen und müssen nicht mehr täglich um ihr Leben bangen. Aber die Angst um die Zurückgebliebenen und die Traurigkeit über den Verlust der Familie ist in den Gesichtern zu sehen. Fast alle haben ihr Smartphone in der Hand - schließlich ist das die einzige Verbindung zur weit entfernten Heimat.

Gemeinsam mit meiner Freundin und Hussein, der in ihrer Familie lebt, trafen wir Moaaz in der Kantine der Einrichtung zum ersten Kennenlernen. Der schmale junge Mann mit den dunkelbraunen Augen und dem traurigen Blick zitterte vor Aufregung, als er mir einen Kaffee brachte. Da saßen wir uns nun gegenüber - schweigsam zunächst.

So viele Gedanken und Fragen im Kopf, die hier bei einem ersten Kaffee sicher weder gestellt noch beantwortet werden konnten. Moaaz betrachtete unsere Familie, lächelte die Jungs an, schüchtern und still. Und wir sahen den verunsicherten jungen Mann an, der so alt war wie mein ältester Sohn, der große Bruder.

Eine halbe Stunde später hockte Moaaz mit seinen zwei Plastiktüten bei uns im Wagen. Zuhause packte Johann eifrig Spielzeugautos und Playmobil zusammen, schnappte sich seine Bettdecke und räumte das Zimmer für den Fremden. Wenig später lag ein schmaler Teppich im Zimmer meines jüngsten Sohnes - ausgerichtet nach Mekka. Und vom Kühlschrank bis zum Spiegel im Bad hängten Juri und Johann überall im Haus kleine Zettel auf mit dem deutschen Wort dafür.

Jetzt lebt Moaaz schon einige Monate bei uns und lernt in unserer Familie und dem turbulenten Alltag viel mehr als nur die deutsche Sprache. Moaaz geht mit mir Einkaufen, hilft bei der Hausarbeit und im Garten. Er hat sich daran gewöhnt, dass unser großer Hund Carlo im Haus leben darf, geht sogar täglich mit ihm spazieren und kuschelt mit ihm.

Mit Händen und Füßen

Und er schaut mich auch nicht mehr so kritisch an, wenn ich am Abend ein Glas Rotwein trinke, obwohl nach den Geboten des Islam Alkohol verboten ist. Ebenso sind Beziehungen ohne Trauschein nicht erlaubt. Dass meine älteren Söhne einfach Freundinnen mit nach Hause bringen, ist ihm daher noch sehr fremd.

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