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Die mid-Zeitreise: Genfer Automobilsalon vor 30 Jahren

Archivartikel

Am 13. März 1989 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 44. Jahrgang über den Genfer Automobilsalon 1989.

Genfer Automobilsalon: Diesmal beschaulich ohne Druck

Nicht immer konnten die Automobilhersteller dem Genfer Salon (9. bis 19. März) so gelassen entgegensehen wie dieses Jahr. Manche Aussteller denken, es sei die Ruhe vor dem Sturm. Keine kurzfristig anberaumten technischen Forderungen aus der Umweltecke, keine trendumwerfenden Designstudien, keine technische Profilierung aus Japan, die Entwickler oder Stylisten namhafter Hersteller unter Stress setzen könnte. Der 59. Genfer Automobilsalon präsentiert sich in harmonischer und zufriedener Stimmung mit bekanntem Charme.

Das Cabrio ist wieder in, Sport und Technik verstärkt im Kommen. Die Roadster-Präsentationen reißen nicht ab. Das gesamte Interesse der Öffentlichkeit konzentriert sich auf die Weltpremiere des neuen Mercedes Benz 300 SL. Ihn gibt es auch als 300 SL-24 und 500 SL. Des Lobes voll für das hauseigene Produkt, spricht Prof. Werner Niefer, Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz AG, vom "Beginn einer neuen Mercedes-Legende". Jürgen Hubbert, verantwortliches Vorstandsmitglied Pkw der Mercedes-Benz AG, betont bei der Präsentation den "historischen Augenblick in der Automobilgeschichte". Nach 18 äußerst erfolgreichen Jahren des alten kommt ab Juni der neue Roadster zu den Händlern. Die Entwicklungskosten werden mit 700 Millionen DM beziffert, inklusive Produktionsanpassung. Jährlich sollen 20.000 Stück vom Band in Bremen laufen. Alle Fahrzeuge kommen mit Katalysator.

Alle Stände zeigen traditionell ihre Firmen-spezifischen Farben. Bei Alfa also rot. Und in rot stellt Alfa Romeo auch den "ES 30" vor, ein sportlich bullig und doch elegant aussehendes Power-Coupe, das eher wie eine Styling-Studie aussieht. In Zusammenarbeit mit Zagato entstand dieser Drei-Liter-V6 Sportwagen, der 210 PS bei 6.200 Umdrehungen bringt. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 245 km/h angegeben, die Beschleunigung von Null bis 100 km/h mit sieben Sekunden. Von diesem Fahrzeug sollen ganz exklusiv 1.000 Stück auf den Markt kommen, 150 davon in der Bundesrepublik. Stückpreis: 100.000 DM. Bei Audi gibt es als Weltneuheit den 2,2-Liter-20-Ventil-Fünfzylinder-Turbo-Motor. Mit 162 kW/220 PS Leistung bei 5.700 Umdrehungen und 309 Nm bei einem maximalen Drehmoment bei 1.950 Umdrehungen ein wahres Sportgerät. Der Motor wird im neuen Audi 200 quattro 20 V als Limousine und als Avant angeboten und zum Modelljahr 1990 auch im Audi quattro 20 V, dem Ur-quattro. Ab April wird die 200er Version ausgeliefert. Preis: 74.500 DM für die Limousine und 76.400 DM für den Avant.

BMW zeigt die gesamte Modellpalette ohne speziellen Blickfänger. Neu ist der 318i Touring und der 324 d mit der digitalen Motorelektrik.

Auch die Fiat-Konzerntochter Lancia unterstreicht Altbewährtes in verbesserter Form. Der Delta integrale 16 V mit seinen 200 PS lockt seine Liebhaber bullig mit neuen Schwellern und modifizierter Motorhaube. Es wird wohl die letzte Motorleistungssteigerung gewesen sein, bis endlich ein völlig neuer Delta den Weg auf den Markt findet. Chrysler vermeldet stolz, sich zum größten US-Exporteur in Europa entwickelt zu haben. Führend ist der Deutsche Markt mit 13.000 verkauften Fahrzeugen in nur sieben Monaten seit der Rückkehr nach Europa im letzten Juni. Selbstläufer sind die Jeeps. Insgesamt gingen letztes Jahr 30.000 Fahrzeuge nach Europa. In Genf zeigt man die gesamte Modellpalette.

Cadillac macht auf Schau mit seinem experimentalen "Soltaire". Das angeblich windschlüpfrigste Coupé der Welt ist fast 5,5 Meter lang und mit schwenkbaren Verkleidungen, Glaskuppel und innovativer Technik ausgestattet. Es wirkt trotzdem barock durch üppige Rundungen. Es kommt mit V12-48-Ventil-Motor daher. Mit dem in USA nur schwerverkäuflichen Allante gibt Cadillac in Genf sein Europa-Debut. Der mit Pininfarina zusammen gebaute Roadster wurde Fahrwerksverbesserungen unterzogen und mit einem neuen 250-PS-4,5-Liter-V8-Motor ausgestattet. Die Franzosen halten sich an die schon vom Pariser Salon letzten Jahres her bekannten Zukunftsautos.

Auch die Japaner haben ihre Neuheiten schon vor Genf der Öffentlichkeit gezeigt. Neben dem Prototypen Mazda MX-04 haben hier unter anderem Honda's Mittelmotor-Sportwagen NS-X Europa-Premiere. Mitsubishi hat neben seinen neuen Galant das Zukunftsmodell Aialia gestellt. Nissan zeigt seine Reiselimousine Maxima, die der oberen Mittelklasse zuzurechnen ist. Toyota ist mit seiner gängigen Modellpalette parat.

Viel Beachtung findet der neue Ford Fiesta. Für ihn liegen europaweit bereits 60.000 Festbestellungen vor, obwohl im April erst Verkaufsstart ist. Ideenreich ist in diesem Zusammenhang auch die Kleinwagen-Studie Urba auf Fiesta-Basis.

Beim Opel-Stand zieht der Omega 3000 Lotus mit seinen zwei überdimensionalen und kantigen Auspuffrohren das Auge auf sich. Von dem Prototyp sollen einmal 1.000 Stück gebaut werden. Unter der Motorhaube arbeitet ein Sechszylinder-Biturbo mit 3,6 Liter Hubraum und Vierventil-Technik, der eine Leistung von 380 PS locker macht. Als Kraftübertragung dient das ZF-Sechsgang-Getriebe aus der Corvette ZR-1. Ein weiterer Blickfang ist eine sechstürige Omega-Limousine, die acht Personen Platz bietet.

Am Porsche-Stand ganz in rot der Carrera S4, der bereits bis Oktober ausverkauft ist. Bis dahin werden 5.000 Stück gebaut sein, obwohl noch kein Kunde eine Probefahrt unternehmen konnte. Das Autojahr 1989 hat aus Sicht des VW-Konzerns gut begonnen. In Europa ist man zufrieden mit zwölf Prozent Zuwachs. Hier dominiert der Golf G 60 Ralley mit 1,8 Liter-Motor und G 60 Spirallader mit Ladeluftkühlung, der 160 PS bringt. Das Fünfgang-Getriebe mit Seilzugschaltung stammt aus dem Corrado. Lustig anzusehen ist ein auf Geländewagen getrimmter Golf Synchro mit beträchtlicher Bodenfreiheit und Kuhfängern.

Original Archiv Motor-Informations-Dienst / mid