Auto

Drei Punkte für die Sicherheit

Archivartikel

Der einstige Volvo-Chef Gunnar Engellau verlor ein Familienmitglied durch einen Verkehrsunfall. Das schreckliche Erlebnis bewog den CEO des schwedischen Autoherstellers einen renommierten Ingenieur einzustellen: Nils Bohlin (1920-2002). Der Spezialist für Flugzeuge und Schleudersitze erfand daraufhin ein neues Anschnall-System - den bis heute bewährten Dreipunktgurt - vor genau 60 Jahren. Welten trennen Autos der 1950er Jahre von heutigen Modellen. Das gilt vor allem für Sicherheitsstandards. Im Bereich Insassenschutz kann der Dreipunktgurt als Meilenstein gelten.

Das erste Modell mit modernem Sicherheitsgurt war der Volvo PV 544 - bekannt als "Buckel-Volvo" - Startpunkt einer sicherheitstechnischen Evolution, die sich noch fortsetzt. Millionen von Menschenleben wurden bislang durch moderne Gurte gerettet. Es folgten weitere wegweisende Erfindungen wie das Antiblockiersystem (ABS) und Bremsassistent.

Die Autos der 1960er Jahre waren häufig nicht mit dem schwedischen Patent ausgestattet, da die meisten Modelle nicht über die entsprechende Vorrichtung verfügten. Vorreiter war das für hohe Sicherheitsstandards berühmte Schweden, wo bereits 1961 immerhin 77 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge mit Dreipunktgurten ausgestattet waren.

Das Besondere am neuen Anschnallsystem ist, dass es die Sicherheit der Insassen in allen Unfallszenarien erhöht und zwar auf den Vordersitzen ebenso wie auf der Rückbank. Neben der Schutzwirkung bei Frontalkollisionen verhindert der Gurt auch, dass Insassen bei einem Überschlag aus dem Fahrzeug geschleudert werden.

Ausschlaggebend für die Wirkung des Dreipunktgurtes sei der Umstand, dass dieser den Passagier in seinem Sitz fixiert, erklärt Gurt-Pionier Volvo. 75 Prozent der Personen, die bei einem Unfall aus dem Fahrzeug geschleudert werden, würden nicht überleben. Insgesamt reduziere der Gurt das Risiko schwerer oder tödlicher Verletzungen bei Verkehrsunfällen um rund 50 Prozent.

In einigen Regionen wie der russischen Insel Sakhalin soll die Nutzungsquote des Gurtes bei gerade mal rund vier Prozent liegen. Die höchsten Quoten verzeichnen moderne Industrienationen wie Frankreich, Deutschland, Schweden, Australien und Kanada, wo Fahrer und Beifahrer zu über 90 Prozent und die Passagiere auf der Rückbank zu fast 90 Prozent angeschnallt sind.

Seit Anfang 1974 müssen alle Neuwagen in Deutschland serienmäßig mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten ausgerüstet werden. Der mid berichtete 1974. "Diese staatlicherseits verfügte Maßnahme findet bei Gurtgegnern freilich taube Ohren." Die Frage sei nur: Wie lange noch. "Denn von den Autoversicherern werden im Zusammenhang mit der Insassenunfallversicherung Leistungserhöhungen für die Fälle erwogen, in denen es trotz angelegtem Gurt zu Personenschäden kam. Womit man einen indirekten Zwang ausüben will, den Gurt anzulegen. Die Bundesregierung plant im übrigen ab Juni 1976 eine Anschnallpflicht."

1977 meldete sich einmal Bohlin selber zu Wort und erörterte in einem Papier die Vorzüge des Dreipunktgurts: "Schoß/Becken und Brust sind die stärksten Bereiche des Körpers, die vom Gurt in Anspruch genommen werden sollten", schreibt Bohlin. Empfindlichere Partien wie der Bauch hingegen sollten im Falle des Aufpralls der harten Kontaktierung mit den Sicherheits-Strängen verschont bleiben. Durch den Dreipunkt-Gurt würden die stärksten Kräfte also auf die am wenigsten verletzlichen Zonen des menschlichen Körpers einwirken.

Sicherheits-Technik Nummer eins bleibt freilich die Bremse. Und eine Vollbremsung kann den angeschnallten Körper bereits belasten - vom Auffahrunfall einmal zu schweigen. Da Bremsen aber bei hoher Anforderung blockieren können, arbeiteten Ingenieure schon seit dem frühen 20. Jahrhundert an Antiblockiersystemen.

Der erste Pkw mit ABS war der Jensen FF mit mechanischem Dunlop-Maxaret-ABS aus dem Jahr 1966. Drei Jahre später rüstete Ford den Lincoln Continental Mark III mit einem nur auf die Hinterräder wirkenden ABS-System namens Sure-Track Brake System aus. 1978 brachte Bosch sein elektronisches ABS auf den Markt; gleichzeitig wurde der Begriff ABS von Bosch rechtlich geschützt.

Mittlerweile existieren Notbrems-Assistenten in allen modernen Fahrzeugen. Predictive Safety System (PSS) heißt das beispielsweise beim Zulieferer Bosch, "Pre-Safe-Bremse" bei Daimler, "pre sense" bei Audi und "City Safety" bei Volvo.

Apropos: Im Sommer 2012 hatten die Schweden auch in puncto Notbremsassistenz die Nase vorn: Beim Test von TÜV Süd mit acht verschiedenen Unfallszenarien kam der Volvo S60 aufs Siegertreppchen. Welch große Dienste bei einer Notbremsung der Dreipunktgurt den Insassen erweist, lässt sich leicht ausmalen.

Lars Wallerang / mid