Auto

Ein Kombi als Lebensretter

Manche Unfälle sind extrem. So schwer, dass der Patient nicht mehr fähig ist für den Transport ins Krankenhaus. Ein Todesurteil. Die Uniklinik Heidelberg unternimmt einen Versuch, die Überlebenschancen der Unfallopfer zu erhöhen - mit einem Kombi. Dr. med. Niko Schneider, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Notfallmedizin, hatte die zündende Idee: die Einführung eines Medical Intervention Car" (MIC), also eines Medizinischen Interventions-Autos, das erweiterte Maßnahmen an den Unfallort bringt.

Zur Umsetzung bedurfte es Hilfe aus der Automobilindustrie. Der schwedische Fahrzeughersteller Volvo - bekannt für eine besondere Affinität zum Faktor Sicherheit - habe sich zuerst gemeldet, sagt Schneider. Deutsche Hersteller hätten zwar nachgezogen, doch vorerst sei nur ein einiges Spezialfahrzeug dieser Art vorgesehen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Nun fiel die Wahl auf den geräumigen, 4,9 Meter langen Volvo V90 Cross Country D4 mit Allradantrieb (AWD) und Acht-Gang-Automatik. Der Vierzylinder-Common-Rail-Turbodiesel mit zwei Litern Hubraum, i-ART Einspritzkontrollsystem und SCR-Abgasreinigung generiert 140 kW/190 PS. In 8,8 Sekunden beschleunigt das Fahrzeug von 0 auf 100, die Höchstgeschwindigkeit ist bei der Marke 210 km/h erreicht.

Die Konstruktion eines Kombis mit mehr Bodenfreiheit sei ideal für den Zweck, sagt Schneider im Gespräch mit dem Motor-Informations-Dienst (mid). Der höhere Sitz gebe mehr Überblick über die Verkehrslage, gleichzeitig sei ein Kombi agiler als ein SUV. Auf jeden Fall biete der große Kombi genügend Platz für all die lebensrettenden Utensilien wie Kühlschrank für Blutkonserven und eine Herz-Lungen-Maschine, die im Falle eines Herzstillstands des Patienten zum Einsatz kommt.

Schon vor etlichen Jahren habe er gemerkt, wie wichtig ein entsprechendes Spezialfahrzeug sein könnte, um die Überlebenschancen von Patienten fernab einer Klinik zu erhöhen, berichtet Schneider. "Ich bräuchte jetzt mal einen Oberarzt", hätte eine junge Ärztin an einer Unfallstelle gesagt. "Mit meiner heutigen ärztlichen Erfahrung ist mir besonders klar, was dieser Satz zu bedeuten hatte und was alles dahinter steckt", sagt Schneider. Mit fachlich hoher Expertise und genauer Soforthilfe könne so mancher Todesfall vermieden werden.

"Es sind häufig die Jungen, die wir nicht mehr retten können", sagt der Mediziner. Die Autos seien mittlerweile zwar sehr sicher, aber auch sehr schnell. "Wenn dann doch etwas passiert, entstehen die schlimmsten Notfälle." Blutkonserven müssten daher sofort zur Verfügung stehen, selbstverständlich gekühlt. Bei idealerweise fünf Grad Celsius müsse Blut transportiert werden, daher sei der Kühlschrank im Gepäckabteil des Fahrzeugs so wichtig.

Der Kombi musste etwas umgebaut werden für medizinische Zwecke: Dazu gehört auch eine sichere Halterung für die Herz-Lungen-Maschine. "Damit während der Fahrt nicht alles durcheinander fliegt." Einen allzu heißen Reifen sollen die Fahrer freilich nicht fahren. "Unsere Fahrer erhalten ein spezielles Training". Das übernehme er selber im hessischen Fahrtrainings-Center Bilster Berg, sagt der Arzt, der zugleich zertifizierter Fahrsicherheitstrainer ist.

"Man muss bestimmte Probleme vor Ort lösen", sagt Schneider. Er könne sich nicht entsinnen, dass es deutschlandweit eine vergleichbare mobile Notfallambulanz gebe, wie sie in Heidelberg kurz vor der Praxis-Erprobung stehe. "Während ein Patient wiederbelebt werden muss, ist er nur schwer transportfähig", erklärt der Arzt. Daran scheitere so manche Lebensrettung. Mit dem Heidelberger Pilotmodell öffnen sich hier neue Chancen.

Dr. Lars Wallerang / mid