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Test BMW R nineT Pure Neueste Variante des Erfolgsmodells ist besonders puristisch und relativ erschwinglich / Pures Motorradfahren - auf das Wesentliche reduziert

Minimalistisch und einfach nur gut

Archivartikel

Mit einem nostalgischen Naked Bike überraschte BMW die Motorradwelt im Jahr 2013 und machte sich damit gleichzeitig zum 90. Geburtstag selbst ein ideales Geschenk: Der minimalistische Retro-Roadster BMW R nineT entpuppte sich sofort als Riesenerfolg und Trendsetter, denn das klassische Bike gehört heute zu den absoluten Bestsellern der Marke und in der deutschen Zulassungsstatistik.

Mittlerweile hat BMW unter dem Label "Heritage" vier Ableger der extrem erfolgreichen, 15 200 Euro teuren R nineT nachgeschoben: Bis hinunter zur neuen, besonders puristischen und relativ erschwinglichen R nineT Pure für 12 300 Euro. Die entpuppt sich im Test zwar als durchaus einfach, aber vor allem ist sie einfach gut.

Reduziertes Strickmuster

Pures Motorradfahren: Kein Schielen auf eine Ganganzeige oder den Benzinstand, sondern Schalten nach Gehör und Gefühl sowie Tanken, wenn ein simples Lämpchen aufleuchtet. Nach diesem reduzierten Strickmuster hat BMW 2014 mit der R nineT das Biken aufs Wesentliche reduziert. Noch minimalistischer steht jetzt der Ableger BMW R nineT Pure im Showroom und wird dem bezeichnenden Namen voll gerecht. Das deutlich teurere Original namens R nineT glänzt trotz nostalgischer Reduktion mit hochwertigen Fahrwerkskomponenten oder einem Alutank mit handgebürsteten Flanken. Die R nineT Pure dagegen ist für 1900 Euro weniger zu haben, weil hier einfachere Zutaten und ein Stahltank genügen.

Sie macht das offenbar so reizvolle Phänomen R nineT einigermaßen erschwinglich. Und der Test zeigt: Die R nineT Pure verlangt ihrem Besitzer dafür keine schmerzlichen Zugeständnisse ab - jedenfalls keine wesentlichen.

Guter Klang

Unwesentliche Ausnahme: die Rückspiegel. Sie stammen aus dem BMW-Regal und zeigen etwa auch auf einer deutlich günstigeren F 700 GS, was hinter einem passiert. Sie passen aber so gar nicht zur insgesamt gelungenen Optik der R nineT Pure mit dem klassischen stählernen Rundscheinwerfer oder vielen liebevoll gefertigten Aluteilen etwa an der Lenkerbrücke.

Doch das Spiegel-Problem lässt sich leicht lösen: Solche Retro-Bikes schreien ohnehin förmlich nach Schrauben und Individualisieren oder Neudeutsch "Customizing", und da hält sowohl der BMW-Händler als auch der allgemeine Zubehör-Handel reichlich Möglichkeiten bereit. Nur: Die runden Rückspiegel der Schwestermodelle R nineT Scrambler und Urban G/S würden auch der Pure weitaus besser stehen.

Einfach gut klingt der Auspuff der R nineT Pure. Schon im Serientrimm knattert und grummelt der Boxer nach Herzenslust. Fast könnte man meinen, etwas weniger Sound wäre auf Dauer angenehmer. Doch an dieser Stelle siegt die Unvernunft, denn der klassische Boxerklang aus der einfachen Abgastüte lässt nicht nur die Herzen eingefleischter BMW-Fans höher schlagen. Dahinter stecken übrigens eine elektronisch gesteuerte Abgasklappe und der österreichische Klangtüftler Remus. Die Pure ist aber nicht nur ein Ohrenschmaus, sondern ein erstaunlicher Hingucker. Gerade ihr charakteristisches Grau, das eigentlich an eine Grundierung erinnert, passt hervorragend und äußerst gefällig zum Gesamtbild des Roadsters. Der Ton heißt "Catalanograu" und ist das farbliche Unikat für die Pure.

Dass die BMW-Entwickler beim Projekt Pure an Fahrwerkskomponenten gespart haben, wird der Normalo-Biker auf öffentlichen Straßen kaum bemerken.

Es ist vor allem die Optik der edlen, goldenen R nineT-Gabel, die das teurere Vorbild gegenüber der Pure mit ihrer einfacheren schwarzen Gabel abhebt. Man sitzt zwar nur fünf Millimeter höher als auf der besonders flachen R nineT, dennoch fühlt sich die Pure etwa vom Kniewinkel her deutlich bequemer an. Das schränkt lediglich die schmale, flache und nicht gerade weiche Sitzbank etwas ein. Doch mit der puristischen Schönheit fährt man wohl eher ins nächste Straßen-Café, als in entlegene Gegenden weltweit.

Weitere Variante

Für Fernreisen könnte schon eher - wenn überhaupt - eine besonders spektakulär designte, weitere Variante geeignet sein: Die BMW R nineT Urban G/S, die vom Namen her und optisch stark an die legendäre R 80 G/S angelehnt ist. Sie war 1980 völlig neuartig und sicherte als erfolgreiche große Reise-Enduro BMW Motorrad damals das Überleben. Heute sind die orangefarbene Sitzbank und das zweitönige blaue Farbdekor auf weißem Tank sowie die zierliche Lampenmaske klare Erinnerungsmerkmale an eine historische Ikone.

Jedoch: Vom Fahrwerkslayout her hebt sich die R nineT Urban G/S nur geringfügig von der übrigen Heritage-Familie ab, vor allem durch etwas längere Federwege und einen flacheren Lenkkopfwinkel. Der bringt etwas weniger Agilität, dafür aber stabileren Geradeauslauf auch bei hohem Tempo.

Doch die ansprechende Optik steht hier eindeutig im Vordergrund. Und: Der drehmomentstarke 1,2-Liter-Boxer, der Luft-Öl-gekühlt im Euro4-Zeitalter locker die gesetzlichen Hürden nimmt und souverän alle R nineT-Varianten antreibt. All das macht die Urban G/S zu einem weiteren attraktiven Ableger der Idee R nineT vom reduzierten Motorradfahrern in verschiedenen Ausprägungen.

R nineT Scrambler und R nineT Racer heißen die weiteren Modelle, die die bisher fünfköpfige Heritage-Familie vervollständigen - zunächst, denn der Erfolg aller Varianten lässt weitere Bikes dieser Art erwarten. Bis dahin ist man mit der BMW R nineT Pure einfach gut unterwegs. mid