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Wo das Herz des Rallyesports schlägt

Archivartikel

Rom. 33 Grad. Die Sonne brennt. Es ist still. Noch! Bis zum Auftakt der FIA Rallye di Roma Capitale 2018 die Motoren angeworfen werden. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat einen Blick hinter die Kulissen des Rallye-Teams von Skoda Auto Deutschland geworfen.

Im Parallelflug treten die Fahrer zum Rallye-Auftakt bei der Showveranstaltung für die Fans auf einem kleinen engen Rundkurs wie beim Race of Champions gegeneinander an und präsentieren den Zuschauern ein erstes Kräftemessen. Dabei fliegen schon mal ein paar Steine und es staubt ordentlich. Eine perfekte Einstimmung.

Dann geht es für Fahrer und Co-Piloten zur ersten Etappe, auch für den Tross von Skoda Auto Deutschland. Im Motorsport gilt: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Glück hat, wer an der Strecke einen exklusiven Standort ergattern kann - etwa auf dem Kirchturm von Rocca Secca. So lässt sich die dritte Wertungsprüfung (WP3) der Rallye aus der Vogelperspektive verfolgen.

Der abenteuerliche Aufstieg lohnt sich, denn die atemberaubende Aussicht vom Start bis in die Berge hinauf und das Sounderlebnis dazu sind spektakulär. Hauptaugenmerk dieser Rallye liegt für viele deutsche Fans natürlich auf dem Duo Fabian Kreim und Frank Christian, die mit ihrem Skoda Fabia R5 und geschmeidigen 280 PS verteilt auf 1.230 Kilo Gewicht auf Zeitenjagd gehen. Enge Kurven im perfekten Driftwinkel und dann mit Vollgas am Bergrand entlangbrettern. Die Deutschen Rallye-Meister Kreim/Christian beherrschen diese Disziplin meisterhaft.

Die Faszination am Rallyesport kommt vor allem vom Unvorhersehbaren, mit dem sich Akteure und Zuschauer arrangieren müssen: Nach einem Defekt und Rennunfall brennen auf der WP4 zwei Fahrzeuge, es kommt zu einem kleinen Waldbrand, der zu einer mehr als einstündigen Verzögerung führt. Stimmung und Konzentration werden dennoch hoch gehalten, das Duo Kreim/Christian liegt zu diesem Zeitpunkt bereits auf Platz zwei in der U28 Wertung. Noch vor der Nacht ergattern sie hier die Führung sowie Position 3 in der Gesamtwertung.

Fabian Kreim berichtet in der Rennpause über Anfangsschwierigkeiten, um den Rhythmus und das passende Setup zu finden. Frank Christian verweist auf das hohe Niveau in der ERC (European Rally Championship) im Vergleich zur DRM (Deutsche Rallye Meisterschaft): Der Wettbewerb ist härter, die Rallyes spezifischer und komplexer. Die ERC sei bis zu 70 Prozent härter als die DRM, schätzt Kreim. Aber mehr Wettbewerb bringe auch mehr Spaß, betont das deutsche Skoda-Duo.

"Auch wenn es ein harter Tag war: Es ist geil, denn es ist echter Rallye-Sport. Du sitzt wirklich von morgens bis abends im Auto. Wir haben geschwitzt ohne Ende, wir haben hart gearbeitet. Aber das ist es, was das Herz des Rallye-Sportlers erfüllt. Das macht die Europameisterschaft aus", sagt Frank Christian.

Und der Blick hinter die Kulissen zeigt, wie hart der Job von Frank Christian und seinen Kollegen ist, die viel mehr als nur Beifahrer sind. Deren Aufgaben bestehen in der Gesamtkoordination rund um die Rallye, wozu auch die Organisation der Reise, Einhaltung der Zeitpläne, korrekter Aufschrieb und Abgleich, Bereithalten von Werkzeug und Unterlagen im Auto gehören.

Ganz wichtig ist es, immer genügend Uhren an beiden Handgelenken zu haben. Nichts ist schlimmer, als eine verpatzte Zeitnahme. Sonst gibt's ordentlich Strafpunkte, wenn man beispielsweise zu früh oder zu spät in den Parc Ferme fährt oder sich zu lange zwischen der gelben und roten Markierung vor dem Start aufhält. Hier ist maximal ein Zeitfenster von einer Minute erlaubt - hier geht es um jede Sekunde.

Die komplexe Arbeit als Co-Pilot kann die erfahrene Co-Pilotin Sabrina Berdi bestätigen. Und sie weiß, wie es als Frau in einer Männer-Domäne ist: Sie bestätigt, dass Frauen sich viel mehr behaupten müssen und das nötige Selbstbewusstsein brauchen, um sich durchzusetzen. Im Rallye-Sport sind etwa 90 Prozent männliche Akteure. Was hält Frauen ab? Möglicherweise das technische Grundverständnis. Kleinere Reparaturen an der Strecke müssen Pilot und Co-Pilot übernehmen, das braucht Übung, Erfahrung und Talent. Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle.

Die routinemäßigen Überprüfungen des Autos und größere Reparaturen finden nach wie vor im Service-Park statt. Hier schrauben pro Fahrzeug, zumindest im Skoda Team, maximal vier Mechaniker, um möglichst effizient zu sein und sich nicht gegenseitig im Weg zu stehen. Das perfekte Zusammenspiel als Team ist unerlässlich und regelmäßiges Training nicht nur unter den Mechanikern, sondern auch ein Training zwischen Fahrer und Beifahrer, unabdingbar. Dank Kreims präziser und materialschonender Fahrweise ist der erste Rallye-Tag für die Skoda-Mechaniker entspannter als bei anderen Teams, bei denen Klebeband und Hammer zum Einsatz kommen.

Der zweite Tag der Rallye startet turbulent, gleich die erste Wertungsprüfung wird abgesagt. Für Fahrer und Fans heißt das viel Leerlauf, fürs Material ist es gut: 30 Kilometer weniger bedeuten auch weniger Verschleiß und ein geringeres Unfallrisiko. Vor der letzten Showeinlage auf der WP 15 "Sky Gate" ist abzusehen, dass Fabian Kreim und Frank Christian der Sieg in der U28-Wertung nicht mehr zu nehmen ist. Den Teamchef hat das Skoda-Duo damit glücklich gemacht. Er sei mächtig stolz auf das Team und dessen Leistung, lautet das Fazit von Raimund Baumschlager. Nicht nur diese Aussage zeigt: Rallye ist und bleibt ein Teamsport, bei dem jeder Handgriff sitzen und die Zusammenarbeit stimmen muss. Absolut familientauglich, und ein hautnahes Erlebnis ist er obendrein: Motorsport zum Anfassen, nicht nur in Bella Italia.

Laura Luft / mid