BA-Freizeit

RARITÄT von 1867

Archivartikel

Für sein Stoewer-Museum in Wald-Michelbach hat sich Manfried Bauer ein ganz besonderes Schmuckstück gesichert: die älteste bekannte Nähmaschine des Stettiner Betriebs, der auch Schreibmaschinen und Fahrräder fertigte. „Nur dieses eine Exemplar hat überlebt“, sagt Bauer über die Langschiff-Nähmaschine aus dem Jahr 1867, die somit auch zu den ältesten überhaupt in Deutschland zählt. Es ist die 666. von knapp zwei Millionen gebauten Maschinen und hat im Untergeschoss des Museums einen Ehrenplatz erhalten.

2013, bei einem Besuch in Stettin, sah Bauer erstmals das seltene, über 150 Jahre alte Exemplar, 2017 kaufte er es. Nach einer gründlichen Restaurierung ist das Schmuckstück nun im Stoewer-Museum in der Michelstraße zu sehen, das jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet ist. Dass es sich um eine Rarität handelt, erkannte der passionierte Stoewer-Sammler an der eingeschlagenen Seriennummer. Anhand einer Liste ließ sich das Herstellungsjahr bestimmen.

Inspiration vom Militär

„1858 begann in Stettin die Nähmaschinen-Produktion“, so Bauer. Damals war Stoewer die zweite Firma in Deutschland, die sich diesem noch unbekannten Zweig widmete: Wie Bauer weiß, startete eine kleine Dresdner Firma etwas früher, bestand aber nicht so lange. Das von ihm restaurierte Stück entstand noch in der ersten Werkstatt Bernhard Stoewers. Der Gründer war beim Militär mit großen Maschinen in Kontakt gekommen und war so auf die Idee gekommen, kleinere für den „Hausgebrauch“ zu bauen.

Im Gründungsjahr wurden ganze drei Nähmaschinen hergestellt, denn diese waren Ende der 1850er Jahre noch nahezu unbekannt. Die Nachfrage aus der Zunft der Schneider entwickelte sich langsam, aber stetig. 1865 wurden schon 200 Stück gefertigt, 1875 waren es dann 1200. Die Mitarbeiterzahl war inzwischen auf 250 gestiegen. 1883, 25 Jahre nach Betriebsgründung, wurden von 1000 Mitarbeitern 18 000 Nähmaschinen gefertigt.

Ihren Höhepunkt erreichte die Produktion in den Jahren 1905 bis 1913, als jährlich jeweils mehr als 70 000 Geräte produziert wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel diese Zahl stark ab, die Weltwirtschaftskrise tat ihr Übriges. 1931 wurde die Nähmaschinenfertigung verkauft. 2013 wurde an dem Haus, in dem Bernhard Stoewers Sohn Emil früher wohnte, eine Gedenktafel angebracht. Dabei traf der Wald-Michelbacher auf den Besitzer der besonderen Nähmaschine, die er schließlich 2017 erwarb. „Zu einem recht teuren Preis, aber sie war die einzige und älteste“, wie Bauer berichtet.

Einer Messing-Plakette auf der Maschine konnte er den Herstellungsort, die Breitestraße in Stettin, entnehmen. „Das Logo wechselte bis 1931 einige Male“, erklärt Bauer. Nach dem Kauf kümmerte er sich um die Maschine: „Alles, was jetzt glänzt, war früher rostig“, so der Sammler über seine Restaurationsarbeiten. „Es waren mehrere Schichten Lack drauf.“ Manche Teile gab er zum Vernickeln weg, alles wurde neu grundiert und schwarz lackiert.

Vermutlich gab es auch einmal eine Verzierung wie bei Nähmaschinen späteren Datums, „aber die war nicht mehr zu retten“. Der Stoewer-Sammler besitzt um die 70 alten Nähmaschinen. Zwischen 55 und 60 sind im Museum ausgestellt, der Rest im Lager untergebracht. Die Sammlung beinhaltet mehrere Objekte aus dem 19. Jahrhundert, aber sein Neuerwerb „ist die einzige, die ich in dieser Art kenne“, sagt er. „Ein relativ kleines Schmuckstück“, das seine Augen glänzen lässt.

Auch in Mappes steckt Stoewer

Bereits seit 30 Jahren hat sich Manfried Bauer dem Hobby Stoewer verschrieben. Vor kurzem kam er auch in Besitz einer August-Mappes-Nähmaschine – auch da steckt ebenfalls Stoewer drin, wie der Sammler weiß. Denn es kam öfter vor, dass größere Händler ihren Namen auf den Maschinen vermerkten. Stoewer-Vertragshändler August Mappes aus Heidelberg, der Südhessen, Baden und die Pfalz belieferte, verkaufte Anfang des 20. Jahrhunderts auch zwei Omnibusse nach Lindenfels. Mappes’ frühere Auftragsbücher sind für Bauer deshalb eine unschätzbare Quelle für Recherchen. „Da steht alles drin, was er in Sachen Stoewer reinbekam“, sagt er. tom

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