BA-Freizeit

Regionalgeschichte Funde in der Südpfalz deuten auf einzigartigen Vorgang / „Makaberes Ritual mit Menschenopfern“

Rätselhaftes Gemetzel mit rund 1000 Toten

Es ist ein Bild des Grauens, das sich Besuchern im Untergeschoss des Museums im südpfälzischen Herxheim bietet. Systematisch zerbrochene und mit scharfen Steinklingen entfleischte Menschenknochen liegen neben den Scherben verzierter Prunkbehälter in Vitrinen, angestrahlt von sanftem Kunstlicht. „Wir sehen die Reste eines vermutlich einzigartigen Rituals mit Menschenopfern“, sagt Museumsleiterin Lhilydd Frank. Vor rund 7000 Jahren kam es hier, rund 15 Kilometer südöstlich von Landau, zu einem Massaker. Experten gehen von rund 1000 Toten aus. Aber warum mussten diese Menschen sterben?

Knochen und Scherben waren zwischen 1996 und 2008 entdeckt worden. Von einem „europäisch einmaligen Fund“ spricht Frank. „Von den Tätern haben wir die Keramik, die uns entscheidende Einblicke gibt, aber sterbliche Überreste liegen nur von den Opfern vor.“

Für möglich halten Experten, dass das Ritual der blutige Schlusspunkt einer Epoche war. Gewiss scheint eins: Es war ein verstörender Zivilisationsbruch. Denn auch im damaligen Zeitalter der sogenannten Linienbandkeramiker war eine solche Eruption von Gewalt ungewöhnlich.

„Naturwissenschaftlichen Analysen zufolge stammten die Opfer aus dem Mittelgebirge“, sagt die Archäologin Bettina Hünerfauth. Mittelgebirge bedeutet etwa Vogesen oder Schwarzwald. Wie gelangten diese Menschen in die Südpfalz? Kamen sie freiwillig, oder wurden sie als Gefangene verschleppt? „Wir werden es wohl nie mit Sicherheit wissen“, sagt Hünerfauth. Klar sei aber, dass die Menschen innerhalb von maximal 50 Jahren getötet wurden. „Vielleicht auch innerhalb nur eines Jahres. Wir reden über ein unglaublich makaberes Ritual.“

Es blieb nicht beim Töten. Die Opfer wurden behandelt wie Tiere beim Schlachten. Akribisch wurden Fleisch und Sehnen vom Knochen geschnitten, auch die Augäpfel wurden entfernt und die Schädel skalpiert, dann wurden alle Knochen zertrümmert. Und das Fleisch? Kam es zu Kannibalismus, wie der französische Anthropologe Bruno Boulestin nach der Untersuchung des Fundes meint? Trafen sich vor 7000 Jahren Linienbandkeramiker in Herxheim, um in einem unbarmherzigen Ritual etwa 1000 Fremde aus einem „höheren Grund“ zu opfern und dann zu essen?

„Diese These ist nicht vom Tisch, aber sie lässt sich eben nicht nachweisen“, so Hünerfauth. Auch Frank kennt die Theorie, wonach in der Südpfalz damals Köpfe über dem Feuer geröstet worden seien. „Tatsächlich zeigen untersuchte Vorderzähne Brandspuren, aber die Backenzähne sind ebenfalls verbrannt. Das deutet eher darauf hin, dass der Kopf in diesem Moment kein Fleisch mehr trug“, meint die Museumsleiterin. „Jedenfalls gibt es keine belastbaren Belege dafür, dass Menschen am Spieß gebraten wurden.“

„Was wir anhand der Forschung sagen können, ist, dass verschiedene bandkeramische Kulturen damals zu einem Ritual zusammengekommen sind, das offensichtlich Menschenopfer beinhaltete. Dafür haben sie nicht ihre eigenen Gruppenmitglieder geopfert, sondern Fremde“, sagt Frank. Die Keramik deute darauf hin, dass dazu Menschen aus weiter Ferne kamen.

Ob die Täter mit dem Opfer etwa Götter milde stimmen wollten, sei offen, sagt Hünerfauth. „Klar ist aber: Wir haben es mit einem Epochenwechsel zu tun. Die Menschen haben auch ihre Keramik zerstört, und diese ist danach in dieser Verzierungsform nie mehr aufgetaucht.“ Das Fehlen ihrer menschlichen Überreste zeige, dass die Täter nach dem Massaker den Ort verließen. „Aber wohin sie gegangen sind, bleibt offen.“ dpa

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel