BA-Freizeit

Rendezvous mit dem MÖRDER

Ein Mensch sieht einen Mord. Doch anstatt zur Polizei zu gehen, macht er daraus ein persönliches „Projekt“: Der Augenzeuge trifft den Täter, freundet sich beinahe mit ihm an. Immer tiefer taucht er ab in die Welt des Opfers und seiner Angehörigen. Bis das Schicksal ihn zu Boden wirft.

Der Jugendthriller „Vielleicht sind wir alle Monster“ ist das Debüt der 27-jährigen Autorin Michaela Weiß, das im Mai im Brighton Verlag erschienen ist. Ein Tagebuch-Roman in der Ich-Form, der den inneren Monolog des eingreifenden Erzählers wiedergibt: Wahrnehmungen, Empfindungen und Assoziationen, die den Leser unmittelbar in den Gedanken- und Bewusstseinsstrom hineinziehen. Erzählt wird die Story vom 20-jährigen Niklas, der ein gefährliches Spiel treibt – bald in der Gewissheit, dass seine Nachforschungen ein ebenso tödliches Ende nehmen könnten.

Michaela Weiß wurde 1991 in Seeheim-Jugenheim geboren und arbeitet im Regierungspräsidium Darmstadt im Fachbereich Artenschutz. Im literarischen Genre hat es ihr die Spezies Mensch besonders angetan. In ihrem Buch erkundet sie auf 192 Seiten die Psyche ihrer Artgenossen in einem permanenten Reflexionsprozess, der über juristische und moralische Instanzen weit hinausgeht: Ist ein Mord tolerierbar, wenn das Motiv aus humanen Gründen nachvollziehbar ist? Ist im Grunde jeder Mensch ein latenter Killer, ein wildes Tier, das – im Idealfall – von einem verbindlichen Rechtssystem gebändigt wird?

Das Buch stellt Fragen, recherchiert die möglichen Konsequenzen von Angst, Trauer und Wut in einer Situation, die zunehmend außer Kontrolle gerät. Für Niklas ist die Tat Auslöser einer gleichsam theatralischen Inszenierung, die (vermeintlich?) normale Verhaltensmuster hinterfragt und auf einer anderen Ebene zur Debatte stellt.

Die Autorin beginnt lakonisch, in stakkatohaften Sätzen nimmt sie den Leser mit auf einen Trip in die eigene Erlebniswelt. Der Schuss, der Täter, das zerfetzende Projektil. Doch der Zeuge bleibt seltsam distanziert, trifft den Täter Tage später in einer Kneipe, kommt mit ihm ins Gespräch und offenbart ihm bald, dass er die Tat beobachtet hat.

Zwischen ihm und Jan entwickelt sich bei aller Distanz eine Beziehung aus Neugier, Empathie und gemeinsamer Sinnsuche. Das Tagebuch wird zur ordnenden Instanz des Erlebten, hilft dabei, Gedanken zu sortieren und in der Retrospektive abwägend zu verwalten.

Niklas erfährt dabei, dass die Wahrheit manchmal zwei Gesichter hat. Der Mörder hat gehandelt, um zwei Kinder vor sexuellen Übergriffen zu bewahren. Ein nachvollziehbares Motiv, aber keine Rechtfertigung für Selbstjustiz.

„Es gibt für alles einen Grund“, sagt Niklas, „oder sind es lediglich Ausreden?“ Zweifel lodern. Doch der Reiz, Tabus zu überwinden und gesellschaftliche Normen herauszufordern, wiegt stärker. Es sei vielleicht ein wenig einsam, ehrlich zu sein.

Gemeinsam gehen sie zur Beerdigung des Opfers, sprechen mit der Schwester des Ermordeten. Die will keine Rache, sondern Gewissheit und Gerechtigkeit.

Niklas´ Spiel mit menschlichen Gefühlen türmt sich zu einem labilen Kartenhaus auf, seine Rolle entwickelt eine explosive Eigendynamik, immer stärker gerät er selbst in Verdacht, den Mord begangen zu haben. Die Situation eskaliert, Jan schreibt die letzten Zeilen in das Tagebuch des Mannes, der seine Fragen letztlich selbst mit dem Leben bezahlt.

Michaela Weiß schreibt bereits seit ihrer Kindheit. Nach ihrem thematisch spannenden und dramaturgisch reizvollen Debüt sind bereits weitere Jugendbücher in Vorbereitung. tr

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