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Interview Die BAnane hat mit der Leiterin des Antidiskriminierungsnetzwerks Südhessens (AdiNet) über Rassismus gesprochen

Aufmerksam machen und reflektieren

Archivartikel

Auch im 21. Jahrhundert ist das Thema Rassismus leider noch präsent. Unterdrückung, Fremdenhass und auch Gewalt beschäftigen die Welt – und vor allem die USA – zurzeit sehr stark. Mit dem Mord an George Floyd, ein „Schwarzer“, der von einem „weißen“ Polizisten während seiner Festnahme ermordet wurde, geriet vieles außer Kontrolle. Dieser Vorfall, der nicht der erste dieser Art in den USA ist, löste auf der ganzen Welt Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus. Auch hierzulande ist das Thema Rassismus aktueller denn je. Doch es gibt Netzwerke, die vernetzen und unterstützen, damit solche Dinge in Zukunft der Vergangenheit angehören. AdiNet Südhessen steht für Antidiskriminierungsnetzwerk und setzt sich in Projekten, Institutionen und Initiativen gegen Diskriminierung ein. Um einen Einblick in die Arbeiten und Projekte von AdiNet zu bekommen, hat die BAnane-Jugendredaktion mit der Leiterin Anja Ostrowski gesprochen.

Wie tragen Sie als Antidiskriminierungsnetzwerk zum Antirassismus bei?

Anja Ostrowski: Das AdiNet Südhessen ist eines von insgesamt vier Antidiskriminierungsnetzwerken in Hessen, initiiert und gefördert durch die Stabstelle Antidiskriminierung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Unser Trägerverein ist Fabian Salars Erbe – Für Toleranz und Zivilcourage mit Sitz in Bensheim. Unsere Kernaufgabe ist die horizontale Vernetzung von Vereinen, Institutionen, Initiativen und Akteuren, die sich gegen Diskriminierung engagieren. Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Alter, Körperlichkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung und Glauben eng miteinander verwoben sind. Ziel ist es, die Zusammenarbeit und den kollegialen Austausch zu stärken sowie die Zivilgesellschaft dafür zu sensibilisieren. Rassismus ist eine dieser Kategorien, darum zählen auch antirassistische Bildungs-, Beratungs- und Hilfeeinrichtungen zu unserem Netzwerk.

Mit welchen Initiativen möchten Sie Rassismus stoppen?

Ostrowski: Indem wir die Öffentlichkeit dazu bewegen und aufmerksam machen, die eigene rassistische Sozialisation zu reflektieren, sich damit auseinanderzusetzen, Bildungsangebote anzunehmen, schwarze Menschen und People of Color im Allgemeinen als Experten in allen Lebensbereichen anzuerkennen und antirassistische Denk- und Handlungsmuster zu entwickeln. Darüber hinaus sollte eigene Verantwortung übernommen werden und im Alltag auf diskriminierendes Verhalten hingewiesen werden können, damit ein antirassistisches Denken garantiert ist.

Was ist Diskriminierung und wo beginnt sie für Sie?

Ostrowski: Diskriminierung ist der Unterdrückungsmechanismus einer vorherrschenden Machtstruktur. Diese Machtstruktur definiert eine Norm und wertet alles ab, was per Definition von dieser Norm abweicht. Letzten Endes geht es immer um Macht, Vorteile und Privilegien, die dadurch stabilisiert und erhalten werden, dass es „das Andere“ gibt, das bevormundet, reglementiert und unterdrückt wird. Definitionsmacht über Begriffe, Gesetze, Geschichte, Politik und Wissenschaft dient dabei der systematischen Unterdrückung auf individueller, struktureller und institutioneller Ebene. Weil diese Struktur für uns alltäglich ist, hinterfragen wir die Gewalt dahinter nicht. Wegschauen ist auch Handeln: Ich entscheide mich dafür, Ungerechtigkeit zu ignorieren.

Wenn man die aktuelle Lage in den USA betrachtet (Tod von George Floyd, blacklivesmatter-Demos und mehr), was wurde Ihrer Meinung nach falsch gemacht und wie sollte in Zukunft generell dagegen gehandelt werden?

Ostrowski: Kolonialisierung, Versklavung, Unterdrückung und Mord werden seit Jahrhunderten durch Rassifizierung begründet. Die systematische Ausbeutung durch weiße Menschen hat eine Jahrhunderte alte Geschichte. Fehler mache ich aus Versehen oder aus Unwissenheit, Kolonialismus und Völkermorde sind Absicht. Wir weißen Menschen müssen uns kritisch mit unserem „Weiß sein“ auseinandersetzen und uns darauf gefasst machen, dass das nicht angenehm wird. Wir sollten uns bewusst werden, dass es Zeit ist, an uns selbst zu arbeiten, anstatt uns immer wieder danach zu erkundigen, ob es Rassismus wirklich gibt, in der Hoffnung, dass uns irgendeine schwarze Person oder Person of Color sagt, es gäbe keinen Rassismus. Was wir als Weiße tun können ist, unsere Recherchearbeit selbst zu machen und uns zu bilden. Wir müssen hinsehen und zuhören: Rassismus ist ein weißes Problem, und ich bin auf keinen Fall die Erste, die das sagt. Vor allem im Jahr 2020 mit einer großen Auswahl an sogenannten Sozialen Netzwerken sollte man sich darüber informieren. Wir müssen aufhören, Deutsch sein mit Weiß sein gleichzusetzen, BPoC („Black and People of Color“) auf ein Expertentum für ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen zu reduzieren. Es bringt wenig, schwarze Kacheln zu posten und sich dadurch total solidarisch zu fühlen, wenn wir danach wieder in unseren Alltag zurückkehren. Es ist unsolidarisch, Lob für etwas zu erwarten, was selbstverständlich sein sollte, nämlich Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Svenja Thomas

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