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Digitale Lehre Herausforderung für Studenten und Dozierende / Präsenzlehre ist für viele nicht ersetzbar

„Der Support war auf allen Ebenen da“

Archivartikel

Die digitale Lehre ist nicht nur für die Studenten ungewohnt, sondern auch eine Herausforderung für Universitäten und die Dozierenden. Die Institute sind in der Regel nicht darauf ausgelegt, alle Kurse und Veranstaltungen online stattfinden zu lassen. Durch die Corona-Pandemie wurde dies jedoch notwendig. Vor ein paar Wochen haben wir mit Studenten darüber gesprochen, wie für sie die Umstellung war. In dieser Ausgabe haben wir die Lehrenden gefragt, welche Schwierigkeiten und Vorteile die digitale Lehre aus ihrer Sicht hat. Dafür haben wir mit den Dozenten Prof. Dr. Oliver Quiring, Leiter des Lehr- und Forschungsbereichs für Kommunikationswissenschaft, und Dr. Jasmin Fitzpatrick, Dozentin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Mainz gesprochen.

Wie kommen Sie mit der Online-Lehre und der Technik zurecht?

Dr. J. Fitzpatrik: Ich habe mich bereits seit Längerem mit digitalen Elementen in der Lehre auseinandergesetzt und Plattformen ergänzend zur Präsenzlehre verwendet. Insofern war ich wohl vergleichsweise gut vorbereitet. Hinsichtlich der Technik sind es vor allem zeitlich begrenzte Serverüberlastungen, die den Alltag erschweren.

Fühlen Sie sich von der Universität ausreichend unterstützt?

Dr. O. Quiring: Ja. Das war tatsächlich vorbildlich. Zwar kamen zeitweise so viele Infos zu den Möglichkeiten der digitalen Lehre gleichzeitig, dass ich diese erstmal sortieren musste. Aber der Support war auf allen Ebenen da.

Dr. J. Fitzpatrick: Ich denke, dass der Fokus im Moment besonders auf den Bedürfnissen der vielen tausend Studierenden liegt und daher manchmal die Situation der Lehrenden in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund gerät. Viele Kollegen verwenden sehr viel Zeit auf die Betreuung der Studierenden und auf die Vorbereitung und Umsetzung der Lehre. Das bedeutet, dass Forschungsprojekte erstmal hinten angestellt werden müssen. Das ist schwierig, wenn davon die eigene Qualifikation und die Weiterbeschäftigung abhängt. Wir werden erst in einigen Monaten sehen, wie sich die Corona-Pandemie hier auswirkt.

Sehen Sie Vorteile in der Online-Lehre gegenüber der Präsenz-Lehre?

Dr. O. Quiring: Im Moment hilft sie, eine schwierige Situation zu überbrücken und neue Formen der Lehre auszuprobieren. Zudem können Studierende auch etwas zeitunabhängiger agieren. Und mir fallen auch immer wieder einzelne Einsatzmöglichkeiten auf, mit denen man die Präsenzlehre ergänzen könnte. Spannend wäre zu wissen, wie lange das Engagement der Studierenden so hoch bleibt. Ich bin momentan mehr als positiv überrascht, wie sehr Lehrende und Studierende an einem Strang ziehen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Nachteile der Online-Lehre?

Dr. J. Fitzpatrick: Ich denke, die Nachteile überwiegen. Digitale Lehre ist deutlich zeitaufwendiger: Jeder, der in der Vorlesung eine kurze Frage stellen würde, schreibt jetzt eine E-Mail, deren Beantwortung aufwendiger ist. Die Aufzeichnung, Bearbeitung und Bereitstellung von Videos nimmt ein Vielfaches der üblichen Seminarzeit in Anspruch. Die Videos kann man auch nicht unbedingt mehrfach verwenden. In meinem Fach, der Politikwissenschaft, fließen oft tagesaktuelle Geschehnisse in die Lehre ein, um den Alltagsbezug zu verdeutlichen, Tendenzen aufzuzeigen oder einfach die Medienkompetenz Studierender zu fördern.

Dr. O. Quiring: Wie schon angedeutet: sie kann in unserem Fach die Präsenzlehre unmöglich ersetzen. Wir haben keine so festen und über Jahre gleichbleibenden Inhalte wie andere Fächer. Mir fehlt zudem schlicht die Interaktion mit Studierenden. In der Präsenzvorlesung sehe ich schon an den Gesichtern, wer gestern zu lange in der Kneipe war, wer noch Fragen hat oder etwas nicht kapiert hat. Und darauf kann ich eingehen und in Ruhe noch einmal erklären. Die Studierenden fragen zwar online auch nach, sind aber recht höflich und verzichten dann doch eher darauf. Das geht in Präsenz viel schneller. Der Aufwand, den die digitale Lehre bedeutet, geht dann leider zu Lasten der individuellen Betreuung.

Dr. J. Fitzpartick: Für mich ist die Lehre absolut anonym geworden, was ich sehr schade finde.

Ist die aktuelle Situation eine Chance für die digitale Lehre in der Zukunft?

Dr. J. Fitzpartick: Ich forsche seit Jahren zu Digitalisierung politischer Organisationen und bin sehr aufgeschlossen für digitale Möglichkeiten. Es ist also sowohl meine fachliche als auch meine persönliche Überzeugung, dass wir nicht alles einfach digitalisieren können oder sollten.

Dr. O. Quiring: Unter dem Strich wird beinahe täglich sehr deutlich, dass Präsenzlehre nicht ersetzbar ist. Wir würden uns etwas vormachen, wenn wir davon ausgehen würden, dass man in unserem Fach rein auf digitale Lehre setzen und damit das qualitative Niveau der akademischen Bildung halten kann. Als Ergänzung ist digitale Lehre aber spannend. Und da liegt auch ihre Chance.

Cara Metzner

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