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Interview II Fragen rund um die Themen Erkältung, Grippe und Coronavirus beantwortet der Mediziner Joachim Wilke

Die Viren sind los

Draußen ist es nass und kalt, zuhause in der Wohnung atmen wir jedoch die trockene Heizungsluft ein. Ist dies ein Grund dafür, dass man während der Herbst- und Wintermonate eher an Erkältungen und grippalen Infekten erkrankt, als während der wärmeren Jahreszeit? Die BAnane sprach mit dem in Bensheim praktizierenden Hausarzt und Internisten Joachim Wilke über die Grippe- und Erkältungswelle.

Ist es so, dass während der kalten Jahreszeit wirklich mehr Personen an Grippe, grippalen Infekten oder Erkältungen leiden?

Joachim Wilke: Absolut. Während unserer „kalten“ Jahreszeit erfahren viele Menschen Infektionen des Respirationstraktes, der Atemorgane – Nase, Rachen, Hals, Bronchien, Lunge. Die kalte Luft draußen ist feuchtigkeitsgesättigt, die gleiche Luft in unseren geheizten Räumen ist trocken und kann viel mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Die holt sie sich zum Beispiel von uns, von Haut und Schleimhäuten. Diese werden trocken und daher anfälliger für Infektionen mit Viren und Bakterien. Zudem halten wir uns mehr in geschlossenen Räumen auf, sodass eine Infektion von Mensch zu Mensch auch wahrscheinlicher wird. Virusinfektionen sind Tröpfcheninfektionen. Beim Husten oder Niesen werden viele winzige Tröpfchen abgegeben, die von anderen eingeatmet werden können und so in die Atemwege gelangen – auch über Händeschütteln oder Türklinkenbenutzung. Anschließend der Griff ins Gesicht, an die Augen oder den Mund können zur Infektion führen, da die Viren längere Zeit außerhalb des Körpers überleben können. Daher: Wenn husten, dann nicht in die Hand, sondern in die Ellenbeuge, Hände regelmäßig waschen und desinfizieren.

Was ist der Unterschied zwischen Grippe und Erkältung?

Wilke: Es gibt viele verschiedene Viren, die unsere Atemorgane befallen können. Erfreulicherweise sind die meisten Erkrankungen harmlos. Etwas über 95 Prozent klingen meist auch ohne Antibiose nach zehn bis 14 Tagen von alleine ab. Das ist dann der grippale Infekt mit Husten Schnupfen und auch Fieber. Die richtige Grippe, auch Influenza genannt, ist problematischer, da sie abgesehen von den genannten Allgemeinsymptomen das körpereigene Immunsystem so schwächen kann, dass Folgeerkrankungen auftreten können. Das kann von Lungenentzündung bis hin zur Beteiligung des Herzens führen. Personen mit vorbestehenden chronischen Erkrankungen, Neigung zum Herzinfarkt, chronischer Bronchitis sowie Diabetes sind daher besonders gefährdet. Meiden sollte man alles, was das Immunsystem negativ beeinträchtigen kann. Stressoren wie Hitze, Kälte, Unterkühlung, körperliche sowie seelische Belastungen, UV-Strahlung, Rauchen, Alkohol gilt es zu vermeiden.

Suchen derzeit mehr Patienten wegen Erkältungen oder Grippe Ihre Praxis auf?

Wilke: Aktuell steht die diesjährige Grippewelle vor der Tür. Sie kommt meist von unterhalb des Äquators, also Afrika, Australien, Südamerika und wird häufig über Fernreisende bei uns eingeschleppt – „Flu flies“. Die WHO hat weltweit Stationen aufgestellt, die die aktuellen Viren detektieren und auf ihre Gefährlichkeit hin testen. Da sich die Viren aber leider in ihrem Aussehen ständig verändern, wird jedes Jahr ein neuer Impfstoff entwickelt, der gegen die gängigsten Viren gerichtet ist.

Wie kann man seinen Körper vorbereiten, sodass man sich erst gar nicht erkältet?

Wilke: Einer Erkältung oder einer Grippe kann man durch regelmäßige körperliche Aktivität, Sauna und gesunde Ernährung vorbeugen. Aber 100 Prozent gibt es da nicht. Auch der Gesündeste kann krank werden, wenn er lange genug angehustet wird.

Welche Medikamente empfehlen Sie, um nicht ein oder mehr Wochen an der Erkältung zu leiden?

Wilke: Gegen einen Virusinfekt gibt es keine Medikamente. Antibiotika sind bei Viren nicht wirksam, die helfen erst bei einer sogenannten Superinfektion durch Bakterien, beispielsweise einer Lungenentzündung – übrigens die häufigste Komplikation. Die Symptomlinderung steht hier an erster Stelle: Ausreichend trinken wegen der Austrocknung der Schleimhäute und zur Kreislaufstabilisierung, warme Getränke, Heißdampfinhalationen mit ätherischen Ölen zur Beruhigung der Atemwege, schmerz- und fiebersenkende Maßnahmen wie Wadenwickel, Paracetamol, Ibuprofen und Bettruhe.

Gab es schon oft Grippepandemien? Vielleicht auch in Europa?

Wilke: Ja, auf jeden Fall. Die erste große Grippepandemie von 1918, ausgelöst durch die Truppentransporte der Soldaten, hat mehr Todesopfer gefordert als der gesamte Erste Weltkrieg.

Wie entstand eigentlich das Coronavirus und wie wird es von Mensch zu Mensch übertragen?

Wilke: In China begann der Reisezug eines neuen Virus, der von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, das Coronavirus. Es entstand wohl durch den Kontakt auf Märkten, mit gefangenen Tieren. Diese Märkte wurden jetzt geschlossen. Die Übertragung ist wohl die gleiche wie beim Influenza-Virus, durch Tröpfchen.

In Deutschland sind bereits 13 Fälle bekannt. Wie kann man sich schützen?

Wilke: Die Zahl der Erkrankten und der bereits Verstorbenen steigt von Tag zu Tag. China und die WHO versuchen es mit Strategien – geschult von der SARS-Epidemie vor 17 Jahren – einzudämmen. Immer mit dem Gedanken an ein „worst case management“, einer weltweiten Pandemie. So eine Pandemie könnte die weltweite Klimakrise auf eine ganz andere Art lösen. Die chinesische Regierung versucht mit allen Mitteln, die Ausbreitung zu verhindern. Reiseverbot, Einschränkung des öffentlichen und privaten Nah- und Fernverkehrs haben bisher jedoch keinen wesentlichen Erfolg bei der Eindämmung gezeigt.

Wer kann sich mit dem Coronavirus infizieren?

Wilke: Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Infizierten schon vor der Entstehung von Symptomen infektiös waren. Das Virus ist inzwischen auch in Europa angekommen, durch Personen, die in China waren. Alle potenziellen Kontaktpersonen werden beobachtet und bei Symptomen in Quarantäne ins Krankenhaus gebracht. Wie viele Personen sie allerdings bis dahin schon angesteckt haben, ist die gruselige Frage.

Gibt es bereits eine Impfung oder Medikamente?

Wilke: An der Erforschung des Virus wird derzeit im wahrsten Sinne des Wortes fieberhaft gearbeitet. Eine Impfung ist noch nicht in Sicht und Medikamente sind noch nicht vorhanden. Man könnte geneigt sein, so etwas wie Panik zu verspüren. Vielleicht haben wir auch das Glück und es verläuft so wie vor 17 Jahren und das Virus verliert die Lust an der Expansion und die Infektionen hören ungeklärt und von alleine wieder auf. Unsere Grippeimpfung bietet keinen Schutz gegen das Coronavirus, ist aber wirksam gegen die Virusgrippe, die sich derzeit anbahnt.

Sie und Ihr Team sind jeden Tag mit erkrankten Patienten konfrontiert, wie beugen Sie vor?

Wilke: Menschen, die viel mit anderen Menschen zu tun haben, also auch wir in unserer Praxis, sollten sich gegen Influenza impfen lassen, auch Menschen über 60 Jahre oder mit chronischen Erkrankungen profitieren eindeutig von einer Impfung. In meiner Praxis vermeide ich dann das Händeschütteln und desinfiziere meine Hände nach jedem Patientenkontakt. Zur Vorbeugung gehört auch die Desinfektion meines Stethoskops.

Bis Redaktionsschluss waren weltweitmehr als 30 000 Corona-Fälle bekannt, davon sind über 600 Patienten an dem Virus gestorben. Aus Deutschland sind über zehn Fälle bekannt. Die aktuellen Zahlen kann man auf der Website des Robert Koch Instituts nachlesen. Personen, die Anfang vergangener Woche aus China zurückgeholt wurden, stehen derzeit unter Quarantäne in Germersheim. Bei zwei Rückkehrern wurde inzwischen das Coronavirus nachgewiesen, sie wurden in das Uniklinikum nach Frankfurt verlegt. Alexander Rhein

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