Bananeweb

Schule in Krisenzeiten Der Pädagoge Friedemann Sonntag von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft berichtet, was sich seit dem Start des Schuljahres getan hat

„Durch drei Monate fehlenden Unterricht wird keine Bildungsgeneration zerstört“

Hessens Schulen sind vor einem Monat wieder in den Normalbetrieb übergegangen. Wie der Schulstart verlief und ob es noch Defizite gibt, hat die BAnane-Jugendredaktion Friedemann Sonntag, den Kreisvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gefragt.

Wie verliefen die ersten Wochen im Normalbetrieb?

Friedemann Sonntag: Corona ist überall in der Schule sichtbar. Auf dem Schulgelände besteht bis auf im Unterricht Maskenpflicht, so dass der Schulstart recht reibungslos verlief, aber doch irgendwie alles anders ist als vorher. Bei den kostenlosen Corona-Tests für Lehrkräfte sind unsere Erfahrungen jedoch erschreckend. Es hat teilweise zwischen acht und 14 Tagen gedauert, bis Getestete ihr Ergebnis hatten. Es ist sicherlich gut gemeint, aber wenn man so lange auf sein Ergebnis warten muss, ist der Test letztlich nutzlos.

Welche Auswirkungen haben die Hygienemaßnahmen auf das Miteinander?

Sonntag: Man merkt schon, dass es nicht mehr so entspannt zugeht wie vor der Pandemie. Manchmal kommen wir uns wie die Sittenpolizei vor, wenn wir die Schüler ständig auf die Masken hinweisen müssen. Wenn man den ganzen Tag Abstand zueinander halten muss, steht das Zwischenmenschliche natürlich hinten an. Das merkt man den Schülern auch in ihrem Umgang untereinander an. Aufgrund der erhöhten Hygienestandards und des Abstandsgebots hat das gemeinsame Lernen in Gruppen- oder Partnerarbeit abgenommen. Aber starrer Frontalunterricht ist auf Dauer auch nicht praktikabel. Vor allem für das soziale Lernen ist ein baldiges Ende der Ausnahmesituation wünschenswert.

Wie groß ist der Bildungsrückstand in den vergangenen Monaten geworden?

Sonntag: Man sollte das Ganze nicht überdramatisieren. Durch drei Monate fehlenden Unterricht wird noch keine Bildungsgeneration zerstört. Manche Schulen reduzieren die Anzahl an Klassenarbeiten oder legen diese auf einen späteren Zeitpunkt. Es geht jetzt erst mal darum, sich bis zum Herbst wieder als Klassengemeinschaft zu finden.

Dann haben Sie keine Bedenken bezüglich der Abschlussklassen?

Sonntag: Die Verantwortlichen und auch die Lehrkräfte sind sich natürlich der Lage bewusst. Daher glaube ich, dass man die Prüfungen in den Abschlussklassen dementsprechend anpassen wird und hoffe, dass vielleicht noch das eine oder andere an starren Vorgaben gestrichen wird, um besser auf die unterschiedlichen Situationen reagieren zu können.

Trotzdem sind drei Monate Unterrichtsausfall eine lange Zeit. Wie stark sind Kinder und Jugendlichen von der unterrichtsfreien Zeit betroffen?

Sonntag: Die Verlierer im Bildungssystem sind dieselben wie vor Corona, nur kommen sie jetzt noch stärker zum Vorschein. Für ein Kind mit Migrationshintergrund zum Beispiel, bei dem die Eltern nicht oder kaum helfen können, war es während der Zeit der Schulschließung und wird es in Zukunft bei einem stärkeren Lernen von zu Hause aus noch schwieriger werden, Fuß zu fassen. Die Lücken werden größer, und wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, wie wir zukünftig unser Bildungssystem für mehr Bildungsgerechtigkeit aufstellen wollen.

Wie sollte der Unterricht in der nächsten Zeit durchgeführt werden?

Sonntag: Aus pädagogischer Sicht wären kleine Gruppen am besten. Da sind wir flexibler, können auf individuelle Belange eingehen und gleichzeitig die Abstandsregeln einhalten.

Also keine Ausweitung des Heimunterrichts?

Sonntag: Alleine der Begriff ist irreführend, da er suggeriert, man könne den Präsenzunterricht eins zu eins zu Hause ersetzen. Doch mit der pädagogischen Idee von Wissens- und Wertevermittlung im Unterricht hat das dann nichts mehr zu tun. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Schule als Ort des sozialen Lernens und Miteinanders einfach nach Hause verlegen. Daher halte ich vom sogenannten Heimunterricht gar nichts. Ich habe eher den Eindruck, dass einige dieses Vorhaben vorantreiben wollen, um Kosten zu sparen. Wenn man alles nach Hause verlegt, muss man auch nicht mehr so viel Geld in die Hand nehmen, zum Beispiel für die Sanierung von Schulgebäuden.

Dann ist die Digitalisierung nicht die große Bildungschance?

Sonntag: Digitale Lernmethoden können höchstens eine Ergänzung zum Präsenzunterricht sein. Aber da fängt in der Ausstattung schon das Problem an. Ein Beispiel: Wir Lehrer und Lehrerinnen haben zwar endlich eine schulische E-Mail-Adresse bekommen, aber der Zugang erfolgt über eine Zwei-Faktor-Authentifizierung, ist daher ziemlich kompliziert und erweist sich als wenig alltagstauglich. Einen digitalen Arbeitsplatz haben wir auch nicht. Stillschweigend wird die Nutzung privater Geräte für dienstliche Belange einfach vorausgesetzt. In jedem Unternehmen ist es selbstverständlich, dass der Arbeitgeber den Arbeitnehmer entsprechend ausstattet, wenn digitales Arbeiten gefordert wird. Bis auf Lippenbekenntnisse ist bisher jedoch nichts passiert. Marvin Zubrod

Zur Person: Friedemann Sonntag ist Kreisvorsitzender der GEW Bergstraße (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und Lehrkraft an der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel