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Forschung Humangeografie Tiflis, Teil 1 Eine Mitarbeiterin der BAnane-Jugendredaktion berichtet von einem besonderen Kurs ihres Lehramtsstudiums an der Uni Frankfurt

Ein nicht alltägliches Seminar

Archivartikel

Allerorts stoße ich auf ungläubige Augen, wenn ich den Inhalt meines Lehramtsstudiums im Fach Erdkunde erkläre. Denn schließlich stellen Fragen wie „Was ist die Hauptstadt von Ghana?“ „Wo liegen die Osterinseln?“ „Auf welchem Breitengrad befinden wir uns gerade?“ typische Themen des Erdkundeunterrichts dar. Gleichzeitig jedoch sind sie komplett irrelevant in der wissenschaftlichen Geografie, welche sich im Großen und Ganzen mit den Wechselwirkungen zwischen Menschen und Räumen beschäftigt. Dies schließt humane und physische Faktoren ein. Die menschlichen Einflüsse sind Schwerpunkt einer Feldforschung, die ich gerade zusammen mit drei Kommilitonen in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, durchführe.

Bevor ich unseren genauen Forschungsauftrag erläutern werde, möchte ich an dieser Stelle noch einmal kurz auf die Wissenschaft der Humangeografie eingehen. Sie stellt den Gegenpol zur physischen Geografie dar, die im Schulunterricht meist mit dem „Land-See-Wind-Modell“ verbunden wird. Im Mittelpunkt der Humangeografie – nomen est omen – steht der Mensch, der mit all seinem räumlichen Handeln Einfluss auf seine Umwelt nimmt. Die Disziplin ist soweit gefächert, dass ein Satz, den jeder Studierende inzwischen kennt, lautet: „Geografie ist was Geografen machen.“ Auch die Berufzweige, in denen Humangeografen arbeiten, sind sehr vielfältig: Manche arbeiten später als Journalisten, andere auf der Stadt und wieder andere beginnen eine Lehrtätigkeit. Je nach Universität variiert der Schwerpunkt, bei mir in Frankfurt liegt dieser auf der Stadtforschung. Sogar im Lehramt ist es daher verpflichtend, sich in mehreren Modulen mit Frankfurt am Main und in einem gesonderten mit einer anderen europäischen Metropole zu beschäftigen. Hierauf möchte ich jedoch erst nächste Woche im zweiten Teil dieser Tiflis-Serie eingehen.

Vorbereitungen in Frankfurt

Schon bevor wir die letzte Maiwoche ins Flugzeug stiegen, haben wir uns in einem Blockseminar mit der Stadt, ihrer Geschichte, ihrem Charakter und ihrer Architektur auseinandergesetzt. Anschließend haben wir mit der Kursleiterin die zwei verschiedenen, zulässigen Methoden in der Sozialforschung wiederholt, diese sind die qualitative und die quantitative Datenerhebung. Nach Abschluss des ersten Teilblocks hatten wir sogleich die Möglichkeit, uns Gedanken darüber zu machen, welche Eigenart von Tiflis uns in den Begleittexten besonders ins Auge gefallen ist und Basis unseres Projektes werden sollte. Nachdem wir uns in der Gruppe für den Verkehr entschieden haben, der in kaum einer anderen Stadt Europas so fußgängerfeindlich gestaltet ist, sollten wir in einer ausführlichen Planskizze unsere genauen Forschungsgedanken niederschreiben und erläutern, inwiefern dies auf andere Städte in der ehemaligen Sowjetunion übertragen werden kann.

Erste Kontakte aufgenommen

Der zweite Blockteil diente der besseren Vorbereitung auf unser Themengebiet. Wir mussten bereits Kontakt nach Georgien aufnehmen, Interviews vereinbaren, Leitfragen erstellen und natürlich die Auswertungskriterien festlegen.

Einige Kommilitonen sind mit der Überzeugung in das Seminar gestartet, dass wir innerhalb von drei Wochenenden und einer Woche Aufenthalt ohne große Mühe gleich zwei Scheine absolvieren würden. Tatsächlich aber waren schon die Blockseminare an den Wochenenden ziemlich anstrengend, da manche so teilweise auf zwölf aufeinanderfolgende Arbeitstage kamen, dazu folgte die Arbeit, die außerhalb der Uniwände auf uns wartete. Auch die Exkursion selbst war nicht mit einer Klassenfahrt zu vergleichen. Wir waren teilweise den ganzen Tag unterwegs, um Fußgänger bei ihrem Kampf um den Platz auf Tiflis’ Straßen zu beobachten. Für viele stellte außerdem die ungewohnte Situation, fremde Menschen zu befragen, ein besonderes Hindernis dar. Hilfreich war daher, dass unsere Dozentin eine sehr freundschaftliche Ebene schaffen wollte, uns sogar das „Du“ anbot, um Hemmungen abzubauen, auf ihre Hilfe zurückzugreifen – und diese nutzte meine Gruppe tatsächlich auffallend oft.

Mein erstes Fazit der geografischen Forschung lautet daher, dass sie sehr viel Spaß bereiten kann, man aber bereit sein muss, viel Zeit in die Vorbereitung, Datenerhebung und anschließende Auswertung zu investieren. Diese Form des Seminars – sprich Vorbereitung in Deutschland und anschließender Feldstudie im Ausland – empfinde ich als äußerst positiv, da sie uns Studenten ermöglicht, ein neues Land durch ganz andere Augen zu entdecken. Sophia Rhein

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