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Holocaust-Gedenktag Vor 76 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit, doch wie steht es um die Erinnerungskultur?

Gemeinsam gegen das Vergessen

Archivartikel

Es war der 27. Januar 1945, als das größte Massenvernichtungslager der Nationalsozialisten (NS), Auschwitz-Birkenau, von der Roten Armee befreit wurde. Seit jeher gilt Auschwitz als Synonym für den Massenmord an Juden sowie Sinti und Roma. Dass die Erinnerungskultur auch heute noch allgegenwärtig ist, verdanken wir vor allem zahlreichen Vereinen und Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Geschichten von Opfern der NS-Rassenpolitik zu erzählen und gegen das Vergessen zu kämpfen.

Eines dieser Opfer war das Ehepaar Schack aus Zwingenberg. Nachdem ihre Wohnungseinrichtung in der Reichspogromnacht 1938 verwüstet wurde, zogen die beiden in der Hoffnung auf ein sicheres Zuhause nach Frankfurt am Main. Dort wurde Martha Schack von den Nationalsozialisten 1941 in den Tod getrieben, bevor ihr Ehemann Moritz 1943 nach Auschwitz deportiert wurde.

Wie wichtig auch heute noch der Umgang mit dem Nationalsozialismus ist, erzählt Fritz Kilthau, erster Vorsitzender des „Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge“.

Es wird in wenigen Jahren vermutlich kaum noch Zeitzeugen geben, die ihr Wissen und ihre Erlebnisse an nachfolgende Generationen weitergeben können. Müsste sich denn in der heutigen Gesellschaft oder Politik etwas ändern, um die Erinnerungskultur zu erhalten, oder brauchen wir gar eine neue Erinnerungskultur?

Fritz Kilthau: Sie haben völlig recht: Leider werden die Zeitzeugen immer weniger, die authentisch über ihre Erfahrungen mit der NS-Zeit erzählen können. Glücklicherweise wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten weitere Formen der Erinnerungskultur entwickelt. Wichtig erscheint mir, dass junge Menschen viel stärker mit einbezogen werden. Sie können sicherlich mit dem Blick einer jüngeren Generation neue Sichtweisen einbringen, die aktuelle Erinnerungskulturen fortführen, ausbauen und modifizieren, wobei die Neuen Medien eine bedeutende Rolle spielen können. Viele Details zur Geschichte und Lokalgeschichte des Nationalsozialismus wurden erforscht und publiziert. Diese Arbeiten sind noch längst nicht abgeschlossen – hierbei könnte ich mir gut eine verstärkte Mitarbeit von Schülern vorstellen, wie es beispielsweise in der Geschichtswerkstatt der Geschwister-Scholl-Schule der Fall ist. Auch Gedenkstätten können wichtige Orte sein, um Teile der NS-Geschichte authentisch zu vermitteln. Deshalb finde ich es wichtig, dass Schulen Besuche von Gedenkstätten, wie die am Bensheimer Wasserwerk, organisieren, wo kurz vor Kriegsende drei junge Soldaten hingerichtet wurden. Einen Aspekt halte ich noch für besonders wichtig: Bei Jugendlichen, deren Eltern aus anderen Kulturen nach Deutschland eingewandert sind und die wenig Bezug zur Nazi-Geschichte haben, sollte die Wissensvermittlung in den Schulen eine besondere Rolle spielen. Es kann sicher auch sehr bereichernd sein, die Erfahrungen der Schüler, die selbst Verfolgung und Krieg erlebt haben, in Aktivitäten der Erinnerungskultur zur Nazi-Vergangenheit einzubeziehen.

Warum sollten sich Jugendliche auch heute noch mit der NS-Zeit befassen?

Kilthau: Die Nationalsozialisten begannen 1933 mit der Ausgrenzung und Verfolgung politisch Andersdenkender, aber auch von Juden und anderen Volksgruppen. Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Personen festgenommen, verhört, in Gefängnisse und Konzentrationslager gesperrt. Die NS-Zeit gipfelte in der Ermordung von sechs Millionen Juden und 500 000 Sinti und Roma. 1939 lösten die Nationalsozialisten einen Weltkrieg aus, in dem 50 bis 60 Millionen Menschen starben. Vor diesem Hintergrund betonten die Verfasser unseres Grundgesetzes 1949: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Die Zeit des Nationalsozialismus sollte uns alle ermahnen und veranlassen, rechtsextremen Tendenzen hörbar entgegenzutreten. Ich finde es daher besonders gut, wenn sich Schüler für eine „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ einsetzen und sich gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt aussprechen. Marvin Zubrod

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