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Schule Die BAnane-Jugendredaktion geht der Frage nach, ob es noch sinnvoll ist, sogenannte Klassiker im Deutschunterricht zu behandeln

Kulturgut statt veraltete Geschichten

Archivartikel

Patrick Borchert, Deutschlehrer an der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim, erklärt, was er von der Arbeit mit klassischen Lektüren hält und warum diese wichtig sei. Hierbei gehen die Meinungen zwischen Lehrern, Schülern und Eltern meist weit auseinander.

Wie ist Ihre Einstellung zu den Lektüren, die Sie als Deutschlehrer mit Ihren Schülern behandeln? Finden Sie diese angemessen?

Patrick Borchert: Überwiegend halte ich die verbindlichen Lektüren der letzten Jahre, die in der Q-Phase gelesen werden müssen, für eine gute und nachvollziehbare Auswahl. Natürlich gibt es auch Werke, die mir mehr gefallen oder die ich für sinnvoller erachte als andere – da geht es mir eigentlich genauso wie den Schülern.

Man könnte kritisieren, dass insgesamt vielleicht diejenigen literarischen Figuren ein wenig zu präsent sind, die in psychische Ausnahmesituationen oder sogar seelische Abgründe geraten. Mit zum Beispiel Nathanael („Der Sandmann“), Woyzeck und Gretchen („Faust I“) oder vormals mit Lenz und Gregor Samsa („Die Verwandlung“) ist die Dichte an solchen Figuren recht hoch. Wiederum bietet dies auch die Möglichkeit, genau darüber mit den Schülern ins Gespräch zu kommen.

Welchen Mehrwert können Schüler aus diesen Lektüren ziehen beziehungsweise auf was zielt die Arbeit mit diesen ab?

Borchert: Neben dem ästhetisch-kulturellen Lernen vor dem Hintergrund der jeweiligen literarischen Epoche und Gattung geht es bei der Behandlung von sogenannten Klassikern darum, die Ursachen und Konsequenzen der Handlungen von literarischen Figuren erkennen und einschätzen zu lernen. Dabei spielen oftmals die „großen Themen“ der Menschheit eine Rolle, die in irgendeiner Form jeden betreffen: Liebe, Verantwortung, Grenzerfahrungen und -überschreitungen, Zwang und Freiheit, die Position in der Familie und in der Gesellschaft, wo komme ich her und wo will beziehungsweise kann ich hin et cetera.

Denken Sie nicht, dass einige der Lektüren vielleicht durch andere, modernere zu ersetzen sind?

Borchert: Ich denke, dass es zeitlose literarische Werke gibt, die auch heute noch ihre Daseinsberechtigung im Unterricht haben. Denn nur, weil etwas vor 200 Jahren geschrieben wurde, heißt das nicht, dass es uns, beziehungsweise der jeweils jungen „Abi-Generation“, heute nichts mehr zu sagen hätte – ganz im Gegenteil. Häufig führen die Klassiker das in exemplarischer Weise inhaltlich so auf den Punkt gebracht und sprachlich so raffiniert gestaltet vor, dass sie berechtigterweise zum Teil schon seit vielen Generationen als Schullektüren dienen. Aber auch zeitgenössische Werke haben es immer wieder in den Schulkanon geschafft, wie zum Beispiel „Das Parfum“ oder „Der Vorleser“, die mittlerweile zu modernen Klassikern geworden sind. Ansonsten ist mit „Corpus Delicti“ von Juli Zeh ein moderner Roman gerade in die Leseliste aufgenommen worden, der die grundlegenden Fragen nach der Herrschafts- und Gesellschaftsordnung, nach Freiheit und Sicherheit aufwirft.

Wie kann man das Arbeiten mit solchen Lektüren für Schüler vielleicht attraktiver machen?

Borchert: Neben sprach- und literaturwissenschaftlichen Aspekten, die ja immer in den Blick genommen werden müssen, sehe ich es als wichtig an, dass man als Lehrkraft auch eine Verbindung zur heutigen Zeit herstellt. Dadurch können den Schülern aktuelle politische oder soziale Bezüge zum jeweiligen Werk verdeutlicht werden. Literatur als Selbstzweck ist zwar möglich, würde aber wohl die meisten Schüler abschrecken. Außerdem lassen sich auch moderne Methoden, Medienformate oder kreative Verarbeitungen bei der Behandlung älterer Werke miteinbeziehen, wodurch sich das Interesse für diese Klassiker steigern lässt. So ist es zum Beispiel möglich, den Song „Mephisto“ des Rappers Bushido bei der Behandlung des „Faust“ in den Unterricht zu integrieren. Marco Mautry

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