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Vier Beine, zwei Drahtesel Andreas Geißel und Johanna Heimrich fahren in fünf Wochen 3000 Kilometer

Mit dem Rad durch Skandinavien

In den vergangenen fünf Wochen haben wir – Andreas Geißel und Johanna Heimrich – Dänemark durchquert, Schweden gestreift und Südnorwegen von Osten nach Westen durchfahren.

Genauso wie auch in Deutschland ist das Wildzelten in Dänemark verboten, jedoch gibt es hier eine sehr lobenswerte Alternative für Reisende mit geringen Ansprüchen und kleinem Budget: sogenannte Shelter. Dies sind Schutzhütten ohne Strom und Wasser, wo das Zelten explizit erlaubt ist, meist zusammen mit Tisch, Bänken und einer Feuerstelle. Zum Teil von öffentlicher Hand, zum Teil von Privatpersonen getragen, werden die Shelter kostenlos oder gegen einen kleinen Beitrag gepflegt, Mülleimer geleert und gegebenenfalls vorhandene Plumpsklos in Schuss gehalten. Man findet diese, wenn nicht ausgeschildert, inklusive Beschreibung mithilfe der kostenlosen App „Shelter“. Durch ganz Dänemark hinweg können wir also legal „wild“ zelten, und da die Shelter meist höchstens 15 Kilometer voneinander entfernt stehen, stellt das Zeltverbot keinerlei Einschränkung für uns dar.

Gut ausgebautes Radwegenetz

Bei den Radfahrkonditionen fällt im Vergleich zu Deutschland auf, dass der Autoverkehr abseits von Kopenhagen deutlich geringer ist. Außerdem sind die Landstraßen breiter als in Deutschland und mit dem Fahrrad fährt man häufig auf einem recht breiten Randstreifen. Wir fahren durch Dänemark über die südlichen Inseln dem Eurovelo 10 (EV10) folgend, der erst und ausschließlich in Dänemark durchgehend als EV10 ausgeschildert ist. Die Besichtigung Kopenhagens per Rad ist fantastisch. Das Radwegenetz dort ist absolut beeindruckend und kann ein wahres Vorbild für deutsche Großstädte sein, die mit zu viel Feinstaub und Lärm zu kämpfen haben. Das Rezept ist ganz einfach: Auto fahren in der Stadt unattraktiv gestalten und Möglichkeiten schaffen, mit dem Rad schneller zu sein. Die leicht hügelige dänische Landschaft mit schönen Küsten, großen grünen Feldern und Wiesen und der geringen Besiedlung hat uns sehr gut gefallen.

Nach einer kurzen Fährfahrt folgen wir der Westküste Schwedens von Helsingborg in Richtung Göteborg. In Schweden und Norwegen gibt es das sogenannte Jedermannsrecht. Dieses Gesetz ermöglicht uns das Aufstellen des Zelts überall für eine Nacht, solange wir einen gewissen Abstand zu privatem Grund einhalten. Ein schwedischer Wanderer erzählt uns, dass er dieses Recht als Teil seiner Freiheit sehe und es für viele Schweden einen hohen Stellenwert habe.

Begleitung für einen Teil des Weges

Wir folgen dem Eurovelo 7, der als Kattegatleden (preisgekrönter schwedischer Fernradweg) bis Göteborg sehr gut ausgeschildert ist. Zwar werden wir mit regnerischem Wetter empfangen, doch bis Norwegen bleibt uns langanhaltender Regen erspart. An einem der ersten Tage in Schweden treffen wir auf dem Weg eine andere deutsche Studentin, die mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Oslo ist. Wir fahren zwei Tage lang zusammen und treffen sie bis Oslo noch häufig wieder. Wir genießen die Gesellschaft und den Austausch, bereichern uns gegenseitig und sind bis heute in Kontakt. Sie soll nicht unsere letzte Wegabschnittsbegleitung bleiben.

Kurz vor der Grenze zu Norwegen gibt es nahe Strømstad ein großes Einkaufszentrum, wo die Norweger im günstigeren Schweden gerne einkaufen. Dem passen wir uns glatt an und fahren vollbepackt über die Grenze, wo wir nach den flachen Landschaften in Schweden unmittelbar von mittelgebirgsartigem Terrain begrüßt werden. Bis Oslo fahren wir der nationalen Route 4 nach. Was uns sofort auffällt, ist die enorme Anzahl an Elektrofahrzeugen, insbesondere Tesla. Wir hoffen auf eine umweltbewusste Einstellung des Landes, werden bei unserem ersten Einkauf jedoch eher enttäuscht. Es ist schier unmöglich, frisches Gemüse ohne Plastikverpackungen zu kaufen. Außerdem ist es gang und gäbe, den gesamten Einkauf in mehreren Plastiktüten zu verstauen. Auch wenn der große Vorsprung Norwegens in der Elektromobilität den Eindruck eines grün denkenden Landes erwecken mag, zumindest im Hinblick auf den Konsum von Einwegplastik haben wir kein besonderes Bewusstsein der hier lebenden Menschen erkannt.

Teilweise muss das Fahrrad getragen werden

Nach einer Besichtigung Oslos machen wir uns auf den Weg zu Norwegens vermutlich schönstem Radwanderweg, dem Rallarvegen, übersetzt etwa Bahnarbeiterweg. Er diente dem Bau und der Instandhaltung der parallel laufenden Bahntrasse von Bergen nach Oslo und wird heute ebenso als Rad- und Wanderweg genutzt. Außerdem bietet der Rallarvegen eine Möglichkeit, den Hardangervidda, die größte Hochebene Europas, bei guter Versorgungslage und auf nicht asphaltierten, aber überwiegend gut begeh- und befahrbaren Wegen zu überqueren. Unsere Herausforderungen sind hierbei die noch bis Mitte Juni von Schnee bedeckten Bereiche, die den Weg an diesen Stellen unbefahrbar machen. Mit viel Kraft und Ausdauer überwinden wir diese Hindernisse getreu unserem Motto „Everything is possible!“, teilweise schiebend, teilweise sogar das Fahrrad tragend. Belohnt wurde diese Anstrengung durch atemberaubende Schnee- und Eislandschaften auf nur 1200 Metern Höhe. Die karge Felslandschaft lässt uns jedoch eher wie in viel höheren Lagen fühlen.

Die letzten 100 Kilometer vor Bergen möchte uns das Wetter scheinbar auf die regenreichste Stadt Europas vorbereiten, was bedeutet, dass wir zwei Tage durch eisige und bindfädenartige Regenfälle über die Ausläufer des Hardangervidda fahren. In Bergen selbst schlägt das Wetter allerdings wieder um, und wir können uns die Stadt wider Erwarten bei Sonnenschein anschauen.

Nach 3000 Kilometern erwarten uns nun die Steilküsten Norwegens auf dem Weg nach Trondheim. Andreas Geißel, Johanna Heimrich

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