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Interview Laut Irma Beuscher vom BUND können sich Tiere schlechter ausbreiten, weil die Natur immer weiter zerteilt wird

Natürliche Lebensräume gehen zurück

Der Mensch ist eine Spezies, die sich, ohne zu fragen, den Lebensraum von vielen Tieren und Pflanzen nimmt, wie sie will. Sie konnte sich durchsetzen und breitet sich seitdem auf der Erde noch weiter aus. Auf andere Lebewesen wird dabei kaum Rücksicht genommen und diese müssen den eigenen Bedürfnissen weichen.

Das Problem dabei ist, dass circa 80 Prozent der natürlichen Lebensräume in Europa dadurch zerstört werden und sich deshalb in einem mangelhaften Zustand befinden. Dies berichtete die Europäische Umweltagentur. Um über dieses Thema mehr zu erfahren, hat sich die BAnane-Jugendredaktion in einem Interview mit Irma Beuscher von der BUND-Jugendvertretung im Landesvorstand BUND Hessen über dieses Thema unterhalten.

Was genau sind die natürlichen Lebensräume?

Irma Beuscher: Für den Begriff „natürliche Lebensräume“ gibt es keine eindeutige Definition. Es kann „vom Menschen unberührt“ bedeuten. In Europa gibt es mittlerweile aber kaum noch unberührte Lebensräume, da der Einfluss des Menschen enorm groß geworden ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch gelten aber auch naturnahe Räume als natürlich. Die Flora-Fauna-Habitat (FFH) Richtlinie der EU (Europäische Union) unterscheidet zwischen 233 Lebensraumtypen. Dazu gehören zum Beispiel Wälder, stehende und fließende Gewässer sowie Moore, Grasland und Dünen.

Warum befinden sich diese Lebensräume in einem mangelhaften Zustand?

Beuscher: Für den schlechten Zustand gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die alle unterschiedlichen Einfluss auf die einzelnen Lebensraumtypen haben. Zunächst einmal geht die Fläche der natürlichen Lebensräume zurück, zum Beispiel durch die Urbanisierung. Mit den Städten wächst auch der Verkehr, was wiederum Fläche frisst. Ebenso in der Landwirtschaft.

Aber auch die Qualität der natürlichen Lebensräume ist mangelhaft bis schlecht. Ein Grund hierfür ist die Zerschneidung von Lebensräumen. Je größer ein Wald ist, desto höher ist auch die Lebensqualität seiner Bewohner. Durch die Landwirtschaft und den Straßenbau werden Wälder zerschnitten und große Lebensräume zerteilt, so dass sich Tierpopulationen schlechter ausbreiten können. Wenn es von einer Tierart nicht so viele Individuen gibt und diese eng beieinander leben, können sie sich nur untereinander vermehren. Der genetische Austausch fehlt dadurch und führt zur genetischen Verarmung, was die Überlebenschancen einer Population verschlechtert.

Ein ähnliches Problem tritt auch bei Fließgewässern auf. Durch Wasserbauwerke, die quer durch einen Fluss gebaut werden, entstehen Hindernisse für Fische. Einige Fischarten sind aber auf Wanderungen im Gewässer angewiesen, um sich zu vermehren. So sind in Europa zum Beispiel die Bestände wandernder Süßwasserfischarten um circa 90 Prozent zurückgegangen.

Ein weiteres Problem ist die Umweltverschmutzung. Hier ist etwa Plastik ein großes Problem. Dieses landet nicht nur durch falsche Entsorgung in der Umwelt, sondern auch in Form von Mikroplastik durch Abrieb und Transport.

Hängt dies mit dem Klimawandel zusammen, wenn ja, wie ungefähr?

Beuscher: Auch der Klimawandel beeinflusst die Qualität der Lebensräume. Ein großes Problem sind Dürren, hervorgerufen durch zu wenig Regen und zu heiße Temperaturen über einen längeren Zeitraum. Ausgetrocknete Böden nehmen weniger Wasser auf. Das meiste wird zu Oberflächenabfluss oder verdunstet.

Auch Starkregenereignisse (viel Regen in kurzer Zeit) nutzen dem Grundwasser wenig. Der Boden kann nicht das ganze Wasser aufnehmen, und nur ein Bruchteil davon versickert und reichert die Grundwasserspiegel an. Irgendwann kommen die Bäume mit ihren Wurzeln nicht mehr an das Grundwasser und vertrocknen. Zudem führen die veränderten Lebensbedingungen auch dazu, dass sich die Lebensraumgrenzen vieler Arten verschieben und heimische Arten verdrängt werden können.

Wie möchte die Europäische Union dagegen vorgehen?

Beuscher: Zum Schutz der natürlichen Lebensräume gibt es in der EU einige rechtliche Grundlagen. Ein Beispiel hierfür ist die FFH-Richtlinie sowie die Vogelschutzrichtlinie. Beide Richtlinien sind Grundlage des Natura 2000-Netzes. Das ist ein länderübergreifendes, zusammenhängendes Netzwerk von Schutzgebieten. Zudem gibt es seit Oktober einen Aktionsplan zur Erreichung einer schadstofffreien Umwelt. Das soll durch Vorbeugung, Beseitigung, Überwachung und Meldung von Umweltverschmutzungen geschehen.

Ein weiteres Instrument ist die Europäische Wasserrahmenrichtlinie. Diese hat unter anderem zum Ziel, den Zustand aquatischer Ökosysteme zu erhalten beziehungsweise bei einem schlechten Zustand zu verbessern. Gefordert war, dass sich bis 2015 alle Gewässer in einem guten ökologischen Zustand befinden. Aktuell (Stand 2019) ist dies europaweit allerdings nur in circa 40 Prozent der Seen und Flüssen der Fall. In Deutschland sind es gerade mal zehn Prozent. Nun gibt es eine Fristverlängerung bis 2027. Häufig sind das Hauptproblem zu hohe Nitratwerte als Folge der Düngung in der Landwirtschaft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die EU einige gute rechtliche Grundlagen hat. An der Umsetzung mangelt es jedoch noch.

Wie können wir als Bürger Europas zur Hilfe beitragen?

Beuscher: Auch wir können unseren Beitrag dazu leisten. Das fängt schon bei der richtigen Müllentsorgung an. Eine weitere Möglichkeit ist es, weniger tierische Produkte zu konsumieren. Zum einen, weil der Flächenverbrauch in der Tierzucht enorm hoch ist und zum anderen, weil dabei viel Gülle anfällt, die zu den viel zu hohen Nitratwerten im Wasser führt. Svenja Thomas

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