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Forschung Social Distancing bedeutet Umdenken und Umplanung für zahlreiche wissenschaftliche Studien

Probanden gesucht – aber bitte auf Abstand

Archivartikel

Die Forschung an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus läuft auch Hochtouren. Aber was machen eigentlich Forschende, die normalerweise nicht mit Petrischalen, sondern mit den Menschen direkt zu tun haben? Zwar wäre es möglich, mit ausreichend Abstand zu zweit als Forscher mit einem Probanden im Labor zu sein, allerdings kann das die sonstige Interaktion beeinträchtigen. Abgesehen davon sollte es vermeidbare Kontakte wie diese derzeit ohnehin nicht geben.

Wenn es um wissenschaftliche Abschlussarbeiten geht, in die bereits viel Hirnschmalz für die Planung investiert worden ist, kommt die Corona-Krise ungelegen. Gerade für Studierende, die ihre Abschlussarbeit bereits angemeldet haben, oder auch für Forschende, die ihre Ergebnisse zur Publikation angemeldet haben, bedeuten die Kontaktbeschränkungen hohen Zeitdruck. Neue Konzepte und schnelle Entscheidungen müssen her.

Am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters an der Universität Koblenz-Landau gibt es einen Forschungsschwerpunkt über die Wirkmechanismen von Placebos. Dafür werden immer wieder verschiedene Stichproben untersucht. Aktuell läuft dort eine Studie mit Probanden, die an Heuschnupfen leiden. Die Erhebungsphase für diese Studie liegt also mitten in der Zeit, während der der persönliche Kontakt im Labor höchstens eingeschränkt möglich ist. So wurden die Gespräche für diese Studie innerhalb von einer Woche ins Digitale verlagert: Die heuschnupfengeplagten Probanden müssen so nicht mehr ins Labor kommen, sondern treffen die Versuchsleiterin online. Auch die benötigten Fragebögen werden online ausgefüllt. Die Placebos, die man vorher einfach direkt mit nach Hause hätte nehmen können, kommen jetzt per Post. Einen Vorteil hat diese Umstellung sogar: Es können jetzt quasi deutschlandweit Menschen an dieser Studie teilnehmen. Außerdem leistet diese Studie damit gewissermaßen Pionierarbeit, was die Verabreichung von Placebos ohne persönlichen Kontakt zum Behandelnden angeht. Die Untersuchung von Online-Behandlungen insbesondere in der psychologischen Psychotherapie ist ein noch sehr neues Forschungsfeld, das durch die aktuelle Krise vielleicht sogar profitieren kann.

Neben der Umplanung der Abläufe stellt zudem die Genehmigung dieser eine Herausforderung dar, denn man kann mit seiner neuen Idee nicht einfach so loslegen. Vor Erhebungsbeginn muss ein Ethikvotum eingeholt werden, auch wenn das zuvor geplante Design bereits bewilligt worden ist. Und auch das Einverständnis der Probanden, das schriftlich einzuholen ist, muss jetzt online und ohne Unterschrift erfolgen.

Natürlich kann nicht jedes Studiendesign einfach so neu geplant werden, dass alle Kontakte online stattfinden. Einige Forschungsvorhaben werden erst einmal zurückstehen, bis die normalen Labor- oder auch Gruppenuntersuchungen wieder möglich und vertretbar sind. Die aktuell laufenden Projekte sind währenddessen darauf angewiesen, dass sich freiwillig Interessierte melden, die an den Studien teilnehmen möchten. Wer derzeit also vor lauter Ausgangsbeschränkungen Langeweile hat, kann sich informieren, ob er die aktuelle Forschung unterstützen kann. Wer weiß, welche spannenden Erkenntnisse so erzielt werden, die ohne Corona erst Jahre später gekommen wären? Übrigens wird die Studienteilnahme in manchen Fällen sogar vergütet, oder man kann an Verlosungen teilnehmen. Für die meisten Studien muss man allerdings bereits volljährig sein. Verena Hofmann

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