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Auslandsemester Ein halbes Jahr in einem anderen Land zu verbringen, ist von zahlreichen positiven aber auch negativen Erfahrungen geprägt

Reisen, Kultur und Papierkram

Archivartikel

Auslandserfahrung ist heutzutage ein absolutes Muss und dabei voller Eindrücke, die man nicht missen möchte. Mein Semester in Sevilla in Spanien war von unzähligen Erfahrungen geprägt. Die Bewerbung um ein Erasmus-Auslandssemester ist mit viel Papierkram verbunden. Ich musste ein Online-Formular ausfüllen, in dem ich meine persönlichen Daten angab, den gewünschten Zeitraum für den Auslandsaufenthalt sowie drei Universitäten nach erster bis dritter Priorität. Zusätzlich zu dem Formular war ein Motivationsschreiben in der Unterrichtssprache des gewählten Landes, ein Lebenslauf in derselben Sprache sowie ein aktueller Notenauszug einzureichen. Zwischendurch sind immer wieder Dokumente unterschrieben zu übergeben. Wenn man dann seinen Platz sicher hat und bei der Gasthochschule nominiert wurde, geht es mit den richtigen Vorbereitungen los. Eines der wichtigsten Schritte vor Antritt der Reise ist die Erstellung des Learning Agreements (LA), da dieses Dokument die spätere Anrechnung der im Ausland erbrachten Studienleistungen bestätigt.

Ich persönlich habe mich vor meiner Reise ebenfalls um eine Wohnung bemüht. Eine Wohnung schon von Deutschland aus zu suchen, hat Vor- und Nachteile. Ich fand es sehr angenehm, direkt an meinem Ankunftstag schon mein Zimmer zu beziehen und mich von der ersten Minute an einzurichten. Dennoch besteht auch immer das Risiko, über den Tisch gezogen zu werden. Ich kann nicht empfehlen, die Wohnung schon vorher zu suchen und den Vertrag zu unterschreiben. Dann verbringt man zwar ein paar Tage im Hostel, aber wenigstens weiß man dann, was man hat. Für den Preis, den ich bezahlt habe, hätte ich vor Ort ein schöneres Zimmer finden können oder zumindest etwas Gleichwertiges für weniger Geld. Aber, wie sagt man so schön: Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Der Alltag vor Ort

„Alltag“ ist eigentlich nicht so wirklich das richtige Wort. Man erlebt bei einem Auslandsaufenthalt so viel, fast jeder Tag ist auf eine gewisse Art und Weise spektakulärer als man es von zu Hause gewohnt ist. Das liegt daran, dass der gesamte Aufenthalt ein eigenes kleines Abenteuer für sich ist. Man ist in einer fremden Stadt, in einem anderen Land mit einer anderen Sprache und der wohl größte Unterschied: Man ist komplett auf sich alleine gestellt.

Die Universität war nicht so toll. Ich persönlich habe mich ungern auf dem Campus aufgehalten und war auch niemals länger als absolut nötig dort. Die Gebäude waren alt und sanierungsbedürftig. Die Pablo de Olavide (UPO) steht auf einem ehemaligen Militärgelände und entstand unter Franco als Arbeiteruniversität. Das ungepflegte Äußere setzt sich dann auch im Inneren fort. Nicht eine Toilette, in der man die Tür abschließen kann, es gibt meistens kein Klopapier geschweige denn Seife. Das WLAN funktionierte für gewöhnlich nur sehr schlecht und in den Räumen war es im Winter immer eiskalt.

Das doch sehr verschulte System in Spanien fiel mir ebenfalls negativ auf. Jeder Kurs findet zweimal pro Woche statt, dabei ist eine Veranstaltung die Theorie und die andere die Praxis. Während des Semesters sind viele Teilleistungen zu erbringen. In einem meiner Kurse setzte sich die Note beispielsweise aus der Anwesenheit, der Mitarbeit, den Hausaufgaben, einem Portfolio, einer Präsentation und einer Abschlussklausur zusammen. Daher war ich am Ende ganz froh, nur drei Kurse zu haben, denn so hatte ich die Möglichkeit, mich mit jedem einzelnen ordentlich zu beschäftigen und hatte dabei noch genug Freizeit. Man sollte sein Auslandssemester ja nicht nur hinter dem Schreibtisch verbringen. Es gibt noch so viel mehr zu lernen und zu entdecken. Dinge, die man eben nur außerhalb der Uni lernt. Wenn wir aufgrund von Feiertagen keine Uni hatten, wurden die Wochenenden genutzt, um weiter weg zu fahren und die umliegenden Länder wie Portugal oder Marokko kennenzulernen. Auf den ganzen Trips habe ich so viel erlebt, gelernt und kam mit vielen verschiedenen Menschen ins Gespräch. Insgesamt ist man während eines Auslandsaufenthaltes einfach mehr unterwegs. Das bezieht sich nicht nur auf das Reisen, sondern auch auf das Leben vor Ort. Man geht mehr raus, trifft sich mit Freunden, geht ein Eis essen, schlendert durch die Altstadt und genießt einfach mehr das Leben. In Spanien kam dann natürlich noch das sonnige Wetter und die südländische Gelassenheit hinzu, die ein konstantes Urlaubs-Feeling verleihen.

Über die Stadt

Sevilla verzaubert jeden. Das Leben dort spielt sich draußen ab. Die Hauptstadt Andalusiens hat aber auch einiges zu bieten: Sonne, Wärme, Lebensfreude, Kultur, Kulinarik, Feste und Geschichte. Und das alles unter einem ganzjährig blauen Himmel. Hier treffen Kontraste aufeinander und spielen miteinander. Sevilla ist äußerlich betrachtet halb Okzident, halb Orient. Man sieht noch zahlreiche Spuren aus der maurischen Zeit, Paläste wie aus 1001-Nacht, enge Gässchen und beschmückte Innenhöfe (patios). Auf der anderen Seite hat die Stadt aber auch imposante Kirchen, ist man zur Karwoche (Semana Santa) dort, erlebt man so spektakuläre Prozessionen wie man sie wahrscheinlich nirgendwo sonst zu sehen bekommt. Die typischen Assoziationen, die man mit Spanien verbindet, also der Stierkampf und der Flamenco, stammen aus Sevilla. Bis heute ist die Stadt stolz darauf und lebt diese beiden Traditionen aus. Die schönen Häuser, die tolle Architektur und der Charme der Stadt laden dazu ein, durch die Altstadt zu schlendern, sich mit Freunden auf ein Eis oder einen Tinto con limón (Rotwein mit Limonade) zu treffen und das spanische Lebensgefühl zu genießen. Was mich auch sehr fasziniert hat: Man fühlt sich sicher in Sevilla und kann bis spät in die Nacht noch alleine und ohne Sorgen auf den Straßen unterwegs sein.

Als Erasmusstudent findet man schnell Kontakte durch die Erasmusorganisationen wie Erasmus Club Sevilla (eine Reiseagentur für Erasmusstudenten) oder auch ESN (Erasmus Student Network), die an fast jeder Uni vertreten sind. Diese beiden Organisationen planen das ganze Semester über Aktivitäten. So ist man von Anfang an unter Leuten, Heimweh kommt gar nicht erst auf.

Ich habe nicht erwartet, die beste Zeit meines Lebens zu haben oder Freunde fürs Leben zu finden. Aber so war es. Es kostet Mut, alleine ins Ausland zu gehen. Man hat Bedenken, keine Freunde zu finden oder Heimweh zu bekommen. Außerdem hat man einen Berg an Papierkram zu erledigen, und zwar vor sowie auch nach dem Aufenthalt, damit einem auch die im Ausland erbrachten Leistungen angerechnet werden. Zudem wird sich das Studium wahrscheinlich verlängern. Doch es lohnt sich für jeden einzelnen Tag, den man während seiner Zeit im Ausland erlebt. Natürlich ist nicht alles positiv, es gibt immer auch schlechte Seiten. In meinem Fall war es das Studium an der UPO. Was ich von dem Semester mitnehme ist ein verbessertes Spanisch, besondere Freunde, die auf dem ganzen Globus verteilt sind, und viele schöne Erinnerungen. Antje Heitland

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