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Schulpolitik Tanja Herrmann, Teilnehmerin an „Klasse Medien“, über das neue Handyverbot

Revolution aus Frankreich

Archivartikel

Sie kommt mal wieder aus Frankreich, die Revolution. Ob es auch dieses Mal um Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit geht? Im Grunde ja. Denn das französische Parlament unter Präsident Emmanuel Macron hat sich für ein Handyverbot an Schulen für Kinder zwischen drei und 15 Jahren entschieden.

„Ist das möglich“, mögen entsetzte Schüler, Yuppies und Grüne-Wähler fragen, die Augen im Schock weit geöffnet. „Ist das möglich“, mögen manche Lehrer verzückt fragen, die tagtäglich mit Schülern konfrontiert sind, deren Blicke scheinbar stets auf den Boden gerichtet sind – wenn nicht gerade ein Selfie geschossen wird und man tatsächlich das Gesicht des Schülers ausschnittsweise zu sehen bekommt.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass das Smartphone ein praktisches Helferlein ist, dass man über „Dr. Google“ einer Ansammlung von Wissen zugänglich ist wie vielleicht zuletzt in der Bibliothek von Alexandria, dass das Smartphone es vielen Helikoptereltern einfach macht, den in Watte gepackten Nachwuchs zu überwachen und zu kontaktieren. Doch dass Justin und Chantal sich während des Deutschunterrichts munter „Snaps“ hin und her schicken, dass mit dem ständigen Vibrieren und Klingeln der Unterricht gestört wird und so am Ende nicht viel vom Leiden des jungen Werther hängen bleibt, ist ebenso Realität. Genau wie die Brüderlichkeit, die fraternité, die leidet, wenn Justin und Chantal degradierende Fotos von Kevin oder Herrn Müller machen und sie auf Facebook posten; wenn Viertklässler in der Pause lieber mit ihrem Handy in der Hand auf dem Boden sitzen, statt mit ihren Klassenkameraden zu reden oder Fangen zu spielen.

Gegner des Handyverbots mögen erwidern, dass das doch alles Behauptungen ohne Hand und Fuß seien und dass Smartphones doch viel eher die Lernbereitschaft steigerten, weil es doch viel spannender und effektiver sei, das Wissen über das Handy zu erdaddeln anstatt der monotonen Stimme des Lehrers zu lauschen, der diese Stunde seit 15 Jahren unverändert hält. Doch wie sehr gerade das die Sinne, die soziale Kompetenz einschränkt, ignorieren Gegner gekonnt, genau wie die Tatsache, dass mehr und mehr Kinder abhängig von ihrem Smartphone sind, das sie vermehrt als an ihrer Hand festgewachsenes Gehirn nutzen. Und wofür, so mögen viele pubertierende Schüler fragen, lernt man überhaupt, wenn man das gesammelte Wissen der Welt doch in einem einzigen winzig kleinen Gerät in Sekundenschnelle abrufen kann?

Was passiert ohne Netz?

Doch was passiert eigentlich, wenn der Stecker gezogen wird, wenn das Netz zusammenbricht? Werden die Erwachsenen von morgen noch wissen, warum der Erste Weltkrieg ausbrach, was die Hauptstadt von Italien ist oder wie viele Dezimeter einen Meter ergeben? Werden sie ein Gesellschaftsspiel spielen oder Geschichten schreiben können? Werden sie von den Fehlern der Vergangenheit wissen oder wird die Menschheit alle Fehler noch einmal machen müssen? Und wie war das doch damals 1789 mit der égalité, der Gleichheit? Wie gleich sind Kinder und Jugendliche, wenn das Smartphone, das von vielen Handyfanatikern auch gerne als Statussymbol genutzt wird, selbst an einem Ort wie der Schule allgegenwärtig ist, einem Ort, an dem zu allererst die Chancengleichheit gelten sollte, an dem nur das eigene Können und nicht das Portemonnaie der Eltern zählen sollte? Wie gleich sind Kinder, die kein Smartphone haben? Wie gleich ihre Chancen im späteren Leben? Wo doch alle so gerne von der so genannten Medienkompetenz reden… Beißt sich hier die Katze nicht in den Schwanz?

Wie steht es, zu guter Letzt, um die liberté, die Freiheit? So mancher Helikoptermutter mag es bei diesem Wort kalt den Rücken herablaufen. „Das Kind ohne Handy in die Schule schicken? Ich muss es doch in der Pause per Whatsapp daran erinnern, zu trinken! Hoffentlich vergisst es ohne mich nicht zu atmen!“ Wie frei, wie selbstständig können Kinder werden, wenn sie selbst während der Schulzeit ständig über das Handy von ihren Eltern überwacht und kontrolliert werden können? Wie frei sind Menschen, die nichts wagen, die sich von Kindesbeinen an nur über „Likes“ definieren, die selbst an einem Ort wie der Schule, die doch der Charakterbildung und der Wissensvermittlung dienen sollte, ständig nur von Smartphones und den damit einhergehenden sogenannten „sozialen“ Medien umgeben sind? Wie sollen Kindern lernen, sich die Freiheit zu nehmen und den Mut zu haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen? Ein Handyverbot an Schulen wird die Welt nicht retten, aber es kann dazu beitragen, dass Menschen wieder mehr miteinander als übereinander reden, dass Kinder und Jugendliche sich bewusst werden, was „sozial“ tatsächlich bedeutet und dass die Menschheit wieder lernt wie man lernt – und wie wichtig das ist. Ein Handyverbot an Schulen kann dazu beitragen, dass wir, ganz ohne Handy, wissen, wie die erste Französische Revolution im Jahr 1789 und die Aufklärung miteinander verknüpft sind und dass wir ohne eben jene heute vielleicht nicht einmal wüssten, was ein Smartphone überhaupt ist.Tanja Herrmann

Die Autorin ist Auszubildende zur Kauffrau für Büromanagement, ist Schülerin an der Karl-Kübel-Schule Bensheim (Klasse 12 BM 3) und nimmt zurzeit am „Klasse Medien“-Projekt des BA teil.

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