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Forschung Humangeografie Tiflis, Teil 2 Bei ihrem Aufenthalt in der georgischen Hauptstadt gewinnt BAnane-Autorin Sophie sehr gegensätzliche Eindrücke

Spannender Blick ins „Paris des Ostens“

Archivartikel

Paris, London, Hamburg, Tbilisi –als ich vor ein paar Monaten die Exkursionsangebote des Instituts für Humangeographie durchlas, blieb mein Blick auf dem unaussprechlichen Wort hängen. Da ich diese Stadt nicht zuordnen konnte, googlete ich sie, sogleich erschien Tiflis. Dieser Name war mir geläufig, es handelt sich um die deutsche Bezeichnung der Millionenmetropole und Hauptstadt des Kaukasusstaats Georgien. Da ich Osteuropa bisher nur aus den Erzählungen meines Vaters und meiner Großeltern kannte, beschloss ich noch in diesem Moment, dass ich an dieser Exkursion teilnehmen möchte. Noch bevor ich mich näher eingelesen hatte, meldete ich mich bei der Dozentin an.

Bevor es jedoch 4000 Kilometer in Richtung Osten ging, beschäftigten wir uns in einem Seminar mit diesem Land (und anderen ehemaligen Sowjetstaaten) und bereiteten unser Forschungsprojekt vor.

Am Tag des Abflugs bereute ich meine Entscheidung etwas, denn da es von Frankfurt aus leider keine Direktverbindungen nach Tiflis gab, flog man mittags ab und kam erst mitten in der Nacht an. Natürlich wusste ich das bereits am Tag der Buchung, doch langsam bildete sich ein seltsames Gefühl in meinem Bauch. Wie würde ich sicher vom Flughafen in die Innenstadt kommen? Als die Maschine dann noch später als geplant ankam, buchte ich kurzerhand ein Hotel in unmittelbarer Nähe.

Obgleich der kurze Rest der Nacht alles andere als ruhig verlief, bin ich glücklich über den kurzfristigen Entschluss, denn er gab mir Einblick in eine Welt, die ich bisher nicht kannte. Das Badezimmer war erst gar nicht fertiggestellt worden, gleichzeitig sah man am Waschbecken bereits den Zahn der Zeit nagen, und an der Decke entdeckte ich Schimmelpilze. Das Bett war zwar sehr hübsch gemacht, aber der Geruch der Bezüge verriet mir, dass ich definitiv nicht die Erste war, die seit dem letzten Waschgang hier lag. Um den befremdlichen Geruch nicht länger wahrnehmen zu müssen, kuschelte ich mich stattdessen in meine Handtücher ein.

Das zweite kleine Abenteuer im Grenzland zwischen Asien und Europa erlebte ich auf der Taxifahrt vom Hotel in die Jugendherberge. Zum Glück saß ich zwar auf dem linken, vorderen Sitz, aber dennoch nicht hinter dem Steuer. Denn noch nie in meinem Leben hatte ich einen solch chaotischen Verkehr gesehen, Fahrradfahrer auf der Autobahn, kaum jemand verwendete den Blinker und jeder schien mit Elan für jeden Meter, den er weiter vorne sein konnte, zu kämpfen.

Extremer Luxus und extreme Armut

Immer wieder wanderte mein Blick von der Straße auf die Wohnblöcke aus der Sowjetzeit. Natürlich wusste ich, dass über Jahrzehnte in Georgien auf diese Weise gebaut wurd. Es wunderte mich aber trotzdem, dass abgesehen von kleinen Teilen fast die ganze Stadt aus solchen Stalinbauten bestand. Plötzlich wurde ich aus den Gedanken gerissen, die ich mir zur baulichen Struktur gemacht hatte, denn wir verließen die Hauptverkehrsstraße, plötzlich – wir befanden uns noch immer im Zentrum der Hauptstadt – und es folgte ein Schotterweg.

Die hier beschriebenen Eindrücke spiegelten sich auch in den darauffolgenden Tagen wider. Gleichzeitig zeigte sich ein weiterer Aspekt. Zum einen existiert in Georgien (oder in fast allen ehemals kommunistischen Staaten) ein Luxus, der den Wohlstand in Deutschland bei Weitem übertrifft, zum anderen wartet wirklich an jeder Ecke eine Armut, die kaum zu ertragen ist.

Besonders einprägend war für mich der Besuch der Zminda-Sameba-Kathedrale, die eine der prunkvollsten Kirchen ist, die ich jemals gesehen habe. Aber gleichzeitig befand sie sich im Zentrum eines Elendsviertels, in dem die meisten Menschen unter der absoluten Armutsgrenze lebten.

Als besonders sehenswert empfand ich eine Seilbahnfahrt zu der ehemaligen Militärfestung der Stadt, die hoch über der historischen Altstadt thront und von welcher man einen Blick über das gesamte Tal erlangt. Von hier aus ist es nicht schwer, zu verstehen, warum Tbilisi oft als das Paris des Osten bezeichnet wird. Denn obgleich das Stadtbild allerorts von den Plattenbauten unterbrochen wird, so finden sich doch überall wunderschöne Stadthäuser mit verspielten Fassaden.

Jedem von uns hat Tiflis gut gefallen, und ich kann einen Urlaub dort wirklich nur empfehlen. Die Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Menschen ist wirklich einmalig. Gleichzeitig kann man sehr günstig reisen, eine zehnminütige Taxifahrt zum Beispiel kostet umgerechnet nicht einmal zwei Euro. Auch diejenigen, die im Urlaub nicht auf das Nachtleben verzichten möchten, kommen in den zahlreichen Clubs voll auf ihre Kosten.

Gleichwohl meine Woche sehr anstrengend und mit viel Arbeit beladen war, bin ich rückblickend traurig, dass die kurze Zeit so schnell vorbeiging und die Tage leider nicht für einen Ausflug in weitere Gegenden der Kaukasusregion gereicht haben. Dagegen aber hatte ich die Gelegenheit an einer exklusiven Stadtführung, der „Ugly-Tour“ teilzunehmen. Sophia Rhein

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