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Erfahrungsbericht Die Abschlussklasse der Bensheimer Kirchbergschule unternahm ihre letzte Klassenfahrt auf historischen Spuren in die deutsche Hauptstadt

Von der Diktatur zur „Berlinokratie“

Wir, die Abschlussklasse der Kirchbergschule, folgten auf unserer letzten Klassenfahrt unter der Leitung unserer Klassenlehrerin Frau Dorn den Spuren des Nationalsozialismus und der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Auf der Fahrt Richtung Berlin verließen wir bei Weimar die A5 und erreichten den Ettersberg. Hier, im Wald von Buchen, liegt die Gedenkstätte des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald. Die Aufschrift „Jedem das Seine“, das Krematorium, die vielen Gedenksteine für die Todesopfer von über 35 Nationalitäten und Berichte von Zeitzeugen vergegenwärtigten uns den dunklen Teil deutscher Geschichte unter dem Nationalsozialismus. Wir legten erschüttert unsere Hände auf die ständig 36,5˚C erwärmte Metallplatte mit der Aufschrift: „Frankreich, Russland, Senegal, Türkei…“ und Namen vieler anderer Länder, aus denen die Menschen nach Buchenwald kamen. Wir fühlten durch die Wärme das unendliche Leid dieses Ortes mit der Botschaft: „Nie wieder!“

In Berlin angekommen, erlebten wir an verschiedenen Schauplätzen die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Landeshauptstadt. Während unserer Tour „Potsdam mit dem Rad entdecken“ erreichten wir in Potsdam-Babelsberg die Villa Erlenkamp, Treffpunkt der alliierten Staatsmänner Truman, Stalin und Churchill. Von hier aus gab Truman vor dem Kaffeetrinken per Telefon den Befehl zum Einsatz der in den USA entwickelten Atombombe. Ziel sollte Tokio sein, stattdessen forderte der blaue Himmel über Hiroshima und Nagasaki über 200 000 Opfer.

Geschichte auf dem Rad erlebt

Mit dem Rad durchfuhren wir das ehemalige Grenzgebiet zu Westberlin, passierten die Glienicker Brücke (Grenzbrücke zwischen Westberlin und der DDR) bis zum Cecilienhof, Ort der Potsdamer Konferenz. Hier entschieden Stalin, Truman und Churchill über den Viermächtestatus Deutschlands und Berlin. Mit „Berlin on Bike“ unternahmen wir eine Zeitreise hin zum Mauerbau und Leben in einer geteilten Stadt. Eine über 150 Kilometer lange Mauer, davon 106 Kilometer bis zu 3,6 Meter hoch, trennte Familien, Freundschaften und gewachsene Beziehungen rücksichtslos voneinander und forderte viele Fluchtopfer.

Die zunehmenden Spannungen zwischen Ost und West und der kalte Krieg zwischen den sich herausbildenden beiden deutschen Staaten führten zu politischer Verfolgung und Unterdrückung. Dies konnten wir hautnah während unseres Besuches der Gedenkstätte Hohenschönhausen erleben. Hier wurden wir von einem Zeitzeugen durch das ehemalige Gefängnis der Staatssicherheit der DDR geführt, der selbst mehrere Monate politischer Gefangener war. Hier wurden Menschen eingesperrt, die für Freiheit und Demokratie kämpften, die bei Fluchtversuchen über die Mauer und innerdeutsche Grenze erwischt wurden. Physische und psychische Folter gehörten hier zum Alltag. In den 80er Jahren standen psychische Unterdrückungsmethoden im Vordergrund. Ausgebildete Psychologen von der Universität Potsdam führten zermürbende Verhöre mit den Gefangenen durch, um sie zu Geständnissen zu zwingen. Bei diesem Aufenthalt wurde uns vor Augen geführt, wie kostbar Freiheit und Demokratie für uns ist.

Während unseres Berlinaufenthaltes erreichten wir schließlich mit der Ankunft beim Brandenburger Tor, Symbol der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, einen zentralen politischen Schauplatz. Wir erblickten auf dem Pariser Platz große Transparente von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ mit der Aufschrift: „Keine deutschen Waffen gegen Kurden“ und der Abbildung eines deutschen Panzers. Uns wurde bewusst, dass 73 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs die Sorge um den Frieden eine wichtige Rolle spielt.

Auf der längsten Hinterlandmauer Berlins, der East Side Gallery, entdeckten wir unter den ausdrucksstarken Graffitigemälden viele Friedensmotive von Künstlern aus der ganzen Welt. Diesen Teil der verbliebenen Berliner Mauer erlebten wir als ein Symbol der Wiedervereinigung und des Friedens, aber auch als Aufruf, keine Mauern mehr zu bauen.

Bei unserem „X-Berg-Tag“ im Teil SO36 von Kreuzberg, einst von Mauern und Grenzen umgeben, konnten wir die Vielfalt der Kulturen erleben. Wir besuchten eine Hinterhofmoschee, türkische Geschäfte und das türkische Restaurant Mercan. Wir spürten den besonderen Flair dieses Stadtteils mit seinen kleinen individuellen Läden.

Es war für uns ein gelungener Abschluss unserer Zeitreise mit multikultureller Begegnung. red

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