Bensheim

Haus am Markt

Abriss des Gebäudes sollte verhindert werden

Vor 40 Jahren, am 15. Juli 1978, wurde der Grundstein für das Haus am Markt in Bensheim gelegt, wie aus einer Abschrift der Urkunde zur Grundsteinlegung hervorgeht.

Warum jetzt daran erinnern, das Haus soll doch abgerissen werden? Noch aber steht das Gebäude und macht aus den verschiedensten Blickwinkeln und immer wieder auch auf Zeitungsfotos einen sehr guten Eindruck.

Das Gebäude fügt sich selbstverständlich und doch mit eigenständiger Architektur in die historische Bebauung des Marktplatzes ein. Die Tragwerkskonstruktion aus Stahlbeton hat keine Schäden und ist stabil.

Die Bekleidungen der Stützmauern aus rotem, grob behauenem Mainsandstein und die, mit dunklem Naturstein belegten, Treppen sind nicht brüchig.

Technik und Dämmung erneuern

Sicher das Haus ist mit 40 Jahren kein Neubau mehr, Technik und Wärmedämmung sollten erneuert werden. Für eine barrierefreie Zugänglichkeit gewisser Bereiche sind bauliche Änderungen erforderlich.

Ist es aber wirklich notwendig, ein in der Substanz intaktes und stimmiges Gebäude abzureißen und einen Neubau mit einer Fassade im Stile der Gründerzeit für derzeit geschätzte 5,1 Millionen Euro zu bauen, nur weil dieser Bau schöner sei und mehr Platz bietet.

Im BA vom 16. Mai 2018 stand unter der Überschrift „Bürgerforum begrüßt die Neubaupläne“ das die Befürworter in diesem Gremium nun für Bensheim die Chance sehen, statt „hilfloser Architekturbastelei“ mit einem Neubau am Marktplatz baukulturell wieder auf „Bundesliganiveau“ zu spielen.

Als Beispiel wird der museale Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt zitiert und auf den hohen Imagefaktor für Touristen verwiesen. Trifft dieses Beispiel aus der großen Stadt der Banken aber auch für Bensheim zu? Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?

In Bensheim wohnt man doch gerne, weil man, wie ich, die Überschaubarkeit und das Menschliche schätzt, das sich auch hinter dem Slogan „Bensheim, Flair und mehr“ verbirgt.

Das Profil erhalten

Bensheim hat doch schon lange Bundesliganiveau durch ein ganz eigenständiges Profil, das es zu erhalten und zu fördern gilt. Nur ein positives Beispiel neben den Bauten der Brüder Metzendorf sind die zahlreichen Adelshöfe aus den verschiedensten Epochen der Baugeschichte. Der Marktplatz braucht auch kein neues Gesicht durch einen historisierenden Neubau, es braucht nur die richtigen Angebote in den bestehenden Gebäuden und auf dem Platz, wie eine Förderung zum Ausbau und Erhalt des Wochenmarktes mit einem guten und reichhaltigen Warensortiment. Das schätzen nicht nur viele Senioren.

Mit entsprechenden Ideen kann man das Haus am Markt sicher weiter nutzen. Eine gastronomische Nutzung lässt sich im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes, zum Beispiel in einem etwas abgesenkten Erdgeschoss gut und attraktiv umsetzen. Das Hauptgebäude lässt sich mit einem vergrößerten Aufzug versorgen, und für die oberen Ebenen des Nebengebäudes müsste nur eine verträgliche Nutzung gewählt werden, für die nicht Barrierefreiheit erforderlich ist.

Als Ideengeber freuen sich die Architekturstudenten der umliegenden Hochschulen über solche Entwurfsaufgaben. In vielen Stadtzentren gibt es ähnliche Voraussetzungen und das städtische Leben funktioniert trotzdem gut. Es kommt aber noch ein wichtiger Aspekt hinzu.

Die Stadtverordneten hatten mit dem Projekt „Mehrzweckgebäude am Marktplatz“ vor 40 Jahren eine richtungsweisende städtebauliche Entwicklung angestoßen. Zwei Dinge sollte das Gebäude gleichzeitig erfüllen, „zum einen den nach Osten offenen Marktplatz städtebaulich schließen und andererseits sollte das neue Haus eine weitere Bereicherung des kulturellen Lebens unserer Stadt bringen“, wie aus der Urkunde zur Grundsteinlegung für das Haus am Markt vor 40 Jahren hervorgeht (Bild).

Verlust eines Zeitzeugnisses

Das mit dem Gebäude ein sehr guter städtebaulicher Abschluss für den Marktplatz gelungen ist, hatten bereits bei dem Wettbewerb drei, besonders in der Denkmalpflege erfahrene, Fachpreisrichter bescheinigt.

Sollte das Haus am Markt tatsächlich abgerissen werden, verliert Bensheim nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis aus seiner städtebaulichen Entwicklung der Nachkriegszeit, es verliert auch ein Zeugnis der politisch-gesellschaftlichen Haltung in dieser Stadt – wie aus der Urkunde zur Grundsteinlegung für das Gebäude hervorgeht. Das sollte verhindert werden.

Bei Interesse stelle ich gerne Kopien der Urkunde zur Verfügung.

Lothar Mundt

Freier Architekt

Bensheim

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