Bensheim

Geschichtswerkstatt Die Frankfurterin Edith Erbrich erzählte von ihrer Zeit im KZ Theresienstadt

Als Kind im Wartezimmer des Todes

Bensheim."Wenn ich beim Erzählen keine Emotionen mehr habe, höre ich auf." Edith Erbrichs Erinnerungen an ihre Zeit im KZ Theresienstadt gehen unter die Haut. Über 70 Jahre später. Die Zuhörer im Bensheimer Stadtmuseum sind bewegt, manche kämpfen mit den Tränen.

Es ist eine außergewöhnliche Biografie, von der die heute 80-Jährige zu berichten hat. Als Siebenjährige wurde die gebürtige Frankfurterin zusammen mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Es war der 14. Februar 1945 - sechs Wochen, bevor die Amerikaner in Frankfurt eingerückt sind. Am 8. Mai wird das "Wartezimmer des Todes" von der Roten Armee befreit. Ein Tag vor ihrem geplanten Abtransport nach Auschwitz. Das hat eine Aktenrecherche von SS-Dokumenten später ergeben. Das Mädchen war dem Tod nur knapp entronnen.

Heute ist Edith Erbrich als Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin viel unterwegs. Am Montag kam sie auf Einladung der Geschichtswerkstatt Jakob Kinder nach Bensheim. Die Veranstaltung war ein abgekoppelter Teil der lokalen Gedenkfeier zum Novemberpogrom von 1938 am vergangenen Freitag (wir haben berichtet). Vorsitzender Peter E. Kalb moderierte das Gespräch mit einer Frau, die ihre Lebensgeschichte in einer sehr präzisen, plastischen Sprache erzählt. Der Langener Lokalhistoriker Peter Holle hat daraus ein Buch gemacht: "Ich hab' das Lachen nicht verlernt."

Edith Bär, so ihr Mädchenname, wird 1937 als sogenanntes "Mischlingskind" im Frankfurter Ostend geboren. Sie hat einen jüdischen Vater und eine christliche Mutter. Schon als Kleinkind muss sie einen Davidstern tragen, in die Schule darf sie nicht. Im Alter von zwei Jahren bekommt sie eine Kennkarte mit einem fett gedruckten "J" für Jude.

1944 erlebt sie die alliierten Luftangriffe auf Frankfurt, verbringt oft viele Stunden im Keller. Im April wird das Haus der Familie in der Uhlandstraße von einer Brandbombe getroffen, nur mit Mühe gelingt es dem Vater, die verschüttete Eisentür zu öffnen. In dieser Nacht hat die Familie alles verloren. "An die drei Wochen im Auffanglager habe ich keine Erinnerung", sagt sie in Bensheim. Alles andere hat sie bis ins Detail gespeichert. Als Stimme all derer, die während des NS-Regimes verstummt sind.

Mutter kam in Beugehaft

Die Nazis wollen ihre Mutter Susanna zwingen, sich scheiden zu lassen. Als sie sich weigert, kommt sie in "Beugehaft". Über das Gefängnis in der Hammelsgasse wird sie niemals sprechen. "Erst als ich ein Buch darüber gelesen habe, erfuhr ich, was für Dinge dort an der Tagesordnung waren", so die Tochter. Es ist ihr bis heute unmöglich, diesen Ort zu besuchen. Zur heutigen Gedenkstätte Theresienstadt fährt sie seit 1998 regelmäßig. "Ein schwerer Gang, aber eine wichtige Erfahrung." Alles sehe dort noch genauso aus wie damals.

Am besagten 14. Februar 1945 soll sich Edith Bär mit ihrer Schwester Hella und dem Vater an der Großmarkthalle einfinden. Seit 1941 nutzt die Geheime Staatspolizei den Keller als Sammelplatz für die verfolgten Juden. Sie saß in einem der letzten Züge. Heute steht dort eine Erinnerungsstätte.

Was Edith Erbrich damals nicht wusste: Auschwitz-Birkenau wurde bereits im Januar befreit. "Dennoch gingen von Frankfurt noch die Sammelzüge ab. Wie groß muss der Hass gewesen sein!" Der Abschied von der "arischen" Mutter wird herzzerreißend. "Ich habe mir ihr Gesicht eingeprägt, damit ich es niemals vergesse." Die meisten Menschen schauen nur stumm zu, als sich die Viehwaggons in Bewegung setzen.

Doch es gab auch das, was die Zeitzeugin stille Helden nennt. Zehn Postkarten, die der Vater durch die kleinen Zugfenster schiebt, erreichen die Mutter. "Es muss Menschen gegeben haben, die sie in einen Briefkasten geworfen haben." Die Männer und Frauen mussten in dem Waggon essen, schlafen und ihre Notdurft verrichten. Einige von ihnen überlebten den Transport nicht. In Theresienstadt wurde Edith Erbrich von ihrer Familie getrennt. Ihre Haare wurden abrasiert. Dazu kam die Brutalität und Unbarmherzigkeit der Aufseherinnen.

Unverständnis erfüllt sie heute noch, wenn sie an einen Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes denkt: "Alle Kinder wurden fein angezogen. Auf den Tischen standen Massen von Süßigkeiten, doch uns war vorher eingeschärft worden, nichts zu nehmen. Als die Leute vom Roten Kreuz fragten, warum wir denn nichts essen, mussten wir sagen: Wir bekommen hier jeden Tag so viel, wir haben keinen Hunger." Sie kann bis heute nicht verstehen, dass dies den Besuchern nicht verdächtig vorkam. "Wenn einer sagt, er hatte Angst, kann ich das verstehen. Wer aber behauptet, er habe nichts gesehen oder gewusst, den nenne ich einen Lügner."

Heimweh, Hunger und Angst

Heimweh, Hunger und Angst bestimmen den Alltag. Der Tag der Befreiung wird der schönste Tag in ihrem Leben. Sie habe ihren Vater so fest gedrückt, dass er "blaue Flecken" bekam. Ende Juli kehrt die Familie zurück nach Frankfurt, wo die Mutter wartet. Edith Erbrich habe trotz allem nie daran gedacht, Deutschland zu verlassen.

Bis zur Rente arbeitete sie als Industriekauffrau. Erst damals, vor 20 Jahren, hat sie gelernt, über das Erlebte zu sprechen. 2007 erhält sie das Bundesverdienstkreuz. 2015 haben die Stadt Frankfurt und die Europäische Zentralbank (EZB), die auf dem Gelände der Großmarkthalle gebaut wurde, eine kleine Brücke, die zum Mahnmal führt, nach ihr benannt: den Edith-Erbrich-Steg.

Für die Zeitzeugin ein Ort der Stille und Einkehr. Und ein sichtbares Ergebnis ihres Engagements. In der Erinnerungsstätte ist auch ein Zitat von ihr zu lesen. "Als sich die Schiebetür geschlossen hatte, wurde sie noch einmal geöffnet. Ein Mann rief: Hebt die beiden Mädchen hoch, ihre Mutter will sie noch einmal sehen!"

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel