Bensheim

Stadtkirche Delegation der Pfarrei Sankt Georg beobachtete die Herstellung des von Jochen Henke gestifteten Glockenspiels in der Gießerei in Sinn

Bei 1100 Grad werden die Glocken gegossen

Archivartikel

Bensheim.Einmal eine Zeitreise unternehmen, wer hat nicht schon davon geträumt. Für eine Bensheimer „Reisegruppe“ wurde in gewisser Hinsicht dieser Traum wahr. Kürzlich fuhren Pfarrer Thomas Catta, Bürgermeister Rolf Richter, Mitglieder des Pfarrgemeinderats von Sankt Georg, Regionalkantor Gregor Knop nach Sinn in Mittelhessen, um an einem denkwürdigen Ereignis teilzuhaben.

In dem sonst eher unbekannten Ort im Lahn-Dill-Kreis hat die Firma Rincker ihren Firmensitz. Wenn man sich anderswo auf eine jahrzehntelange Tradition beruft, wird man bei solchen Zahlen sicher schnell kleinlaut: Seit 1590 gibt es die Glocken-und Kunstgießerei Rincker, seit 100 Jahren habt sie ihren Firmensitz in Sinn und der Juniorchef wird in der 14. Generation die Geschäfte weiterführen.

Hier ist die Zeit stehen geblieben

Und wenn Vertreter einer Bensheimer Kirchengemeinde sich auf den Weg in den Lahn-Dill-Kreis machen, so hat das natürlich auch mit Glocken zu tun. In der Stadtkirche Sankt Georg wird dank einer großzügigen Spende von Jochen Henke (wir haben berichtet) demnächst ein Glockenspiel ertönen. Im linken Kirchturm wird ein Ensemble aus 24 kleineren und mittelgroßen Glocken mit einem Gesamtgewicht von 600 Kilogramm an einer Stahlkonstruktion installiert.

Der Spender Jochen Henke hatte sich mit seinem Sohn Benjamin ebenfalls nach Sinn begeben, um das nicht alltägliche Gießen einer Glocke mitzuerleben. Im Hof der Firma werden die Gäste aus Bensheim von Holger Schmidt begrüßt, der bei Rinker für die technische Umsetzung zuständig ist.

Die eingangs erwähnte Zeitreise beginnt dann beim Betreten der Werkstatt. Hinter der Tür offenbart sich eine andere Welt: auf dem Boden festgebrannte Erde, an den Decken und Wänden der Staub, der von der langen Tradition erzählt. In den Regalen lagern Formen, Werkzeuge und Materialien des alten Handwerks. Nur das schummrige Licht der Neonröhren und ein Radio, das man in einem Regal entdeckt, erinnert daran, dass man eben nicht in der Zeit zurück gereist ist, sondern die Zeit hier ein wenig stehengeblieben scheint. Keine computergesteuerten Greifarme und keine digitalen Temperaturanzeigen sind bei der Arbeit behilflich. Was zählt, ist das Geschick der Hände und die Erfahrung, die von Generation zu Generation weitergeben wird.

Im Ofen wird das Metall erhitzt

Die Besucher gruppieren sich um zwei Gussformen. Es sind die zwei größten Glocken des Spiels, die an diesem Tag gegossen werden mit den Nominalen (Schlagtönen) a² mit ca. 80 Kilogramm und 490 Millimetern Durchmesser und c³ mit ca. 55 Kilogramm und ca. 430 Millimetern Durchmesser. Sie gehören zu den insgesamt 24 Glocken, welche von a² bis c 5 gestimmt werden.

Seit dem Morgen wird im Schmelzofen der Gießerei das Metall erhitzt. Die Mischung besteht aus vier Teilen Kupfer und einem Teil Zinn. Die etwa 140 Kilogramm, die an diesem Vormittag benötigt werden, erscheinen mickrig gegen Zahlen, von denen Holger Schmidt an diesem Tag noch erzählen wird. Die beiden großen Kirchenglocken, die im Jahre 2018 für den Wormser Dom gegossen wurden, wogen 2855 und 2218 Kilogramm.

Dann ist es soweit, die Temperatur von etwa 1100 Grad ist erreicht. Aus dem Schmelzofen wird die flüssige Bronze im Schmelztiegel in die Werkstatt gebracht. An einer langen Metallstange hängt das glühende Gefäß bereit für den Guss. Mit einer Stange wird auffällige Schlacke aus der Bronze entfernt.

Nachdem Pfarrer Thomas Catta die Segnung spricht, fordert Holger Schmidt zur Ruhe auf. „Sie müssen jetzt still sein, denn der Glockengießer muss das Metall hören, wenn es fließt.“

Da ist er plötzlich, der Anfang von Schillers Glocke: „Fest gemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss – rinnen muss der Schweiss, soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben.“ Mag sein, dass der eine oder andere Schüler, der sich mit dem Text der klassischen Ballade schwer tat, es besser gelernt hätte, wenn der Deutschlehrer einmal einen Besuch in der Glockengießerei unternommen hätte.

Beeindruckt von diesem archaischen Moment, bekommen die Bensheimer Gäste dann bei der Führung durch die restliche Werkstatt einen tieferen Eindruck vom Können der Glockengießer. Tief beeindruckt tritt man den Heimweg an und freut sich darauf, wenn das Glockenspiel in Sankt Georg bald viermal am Tag erklingen wird.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel