Bensheim

Frauenbüro Chemikerin und Ernährungsberaterin Ulrike Vogt-Saggau referierte zum Thema ökologischer Landbau

Bio – gesünder für Mensch und Natur

Archivartikel

Bensheim.„Alles Bio – alles besser?“ Über dieses Thema referierte Ulrike Vogt-Saggau, Chemikerin und Ernährungswissenschaftlerin, auf Einladung des Bensheimer Frauenbüros. Lebensmittel aus ökologischem Anbau erleben derzeit einen Boom. Sie sind nicht nur in Naturkostläden erhältlich, sondern auch in fast allen Supermärkten und Discountern – aber sie sind teurer als konventionelle Produkte. Die Referentin stellte deshalb die Frage in den Raum: Lohnt es sich, mehr Geld für Bio-Lebensmittel auszugeben?

Das Gesundheitsbewusstsein steigt. Viele Verbraucher legen Wert auf gesunde und möglichst natürliche Lebensmittel. Ist „Bio“ wirklich gesünder? „Diese Frage lässt sich am besten beantworten, wenn wir uns die Kriterien für Bio-Produkte anschauen und mit denen aus konventionellem Anbau vergleichen,“ erklärte Vogt-Saggau.

Für den Anbau von Bio-Produkten dürfen keine chemischen Pestizide – sprich Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel – eingesetzt werden. Im Oktober 2015 veröffentlichte Greenpeace Untersuchungsergebnisse zum Pestizidgehalt in Äpfeln. Es wurden 126 Äpfel aus elf europäischen Ländern geprüft. Ergebnis: Alle Bio-Äpfel waren komplett frei von Rückständen. In deutschen Äpfeln fanden sich zu 88 Prozent Pestizide, in einem Apfel waren sieben verschiedene Wirkstoffe enthalten. Alle gemessenen Werte lagen unter den zulässigen Höchstmengen.

Um vor zu hohen Dosierungen zu schützen, gibt es für jedes Pestizid gesetzliche Richtwerte, die nicht überschritten werden dürfen. Immer öfter würden jedoch Kombinationen mehrerer Pestizide eingesetzt, um die vorgeschriebene Höchstmenge eines Mittels nicht zu überschreiten. Fatal, denn die Richtwerte gelten jeweils nur für ein Pestizid, so Vogt-Saggau.

Bedrohung auch für die Tierwelt

Wenn über Pestizidgehalte in Lebensmitteln gesprochen wird, denkt man in erster Linie an die Gesundheit. „Aber das ist zu kurz gedacht. Der Pestizideinsatz der vergangenen 50 Jahre hat die Artenvielfalt in Europa bereits um die Hälfte verringert“, gab Vogt-Saggau zu Bedenken. Zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten stehen bereits auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei eine besondere Bedrohung für Amphibien.

Der ökologische Anbau verzichtet daneben nicht nur auf Pflanzenschutzmittel, sondern auch auf mineralischen Stickstoffdünger. Es wird weniger Nitrat aufgebracht. Ein Zuviel an Nitrat berge Gefahren für den Menschen, da sich im Körper Nitrosamine bilden können. Diese Stoffgruppe gilt als krebserregend. Aber auch das Klima leide. Beim Abbau von Dünger-Stickstoff entsteht Lachgas (Distickstoffmonoxid). Es ist laut Vogt-Saggau das schädlichste Klimagas der Landwirtschaft: 300 Mal stärker als CO2. Die größte Gefahr liege aber in der Verunreinigung der Gewässer. Die steigenden Nitratwerte in Deutschland haben sogar die EU alarmiert.

Vielen Bürgern liegt auch das Tierwohl am Herzen. Wie sieht eine artgerechte Tierhaltung aus? „Nicht so, wie wir es uns wünschen oder wie die Werbung es oft suggeriert“, so Vogt-Saggau. Aber auch hier gebe es nach den EU-Öko-Richtlinien eine deutliche Verbesserung für die Tiere. Noch weiter gehen die Richtlinien bei Demeter und Bioland.

„Oft höre ich: Bio – das kontrolliert doch eh keiner“, berichtete Vogt-Saggau. Das sei aber falsch. Die Bio-Akteure der gesamten Wertschöpfungskette würden mindestens einmal im Jahr durch Fachleute umfassend kontrolliert. Kein anderer Bereich der Land- und Lebensmittelwirtschaft unterstehe einem so dichten und detailliertem Kontrollsystem.

Ist Bio-Ware also ihren Preis wert? Noch nie haben Bundesbürger so wenig für Lebensmittel bezahlt wie heute. Während sich viele Verbraucher über billige Lebensmittel freuen, sind vor allem die Bauern die Leidtragenden dieser Entwicklung. „Bio-Produkte sind nicht zu teuer, sondern konventionelle Lebensmittel zu billig“, stellte Vogt-Saggau fest. Konventionelle Lebensmittel seien vor allem deshalb so billig, weil sie die ökologischen und sozialen Folgekosten ihrer Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung nicht enthalten. Die konventionelle Produktion belaste das Wasser, den Boden und die Luft mit Schadstoffen, begünstige Artenschwund bei Pflanzen und Tieren und verschlinge Energie und Rohstoffe.

Die Beseitigung der Umweltschäden müsse die Gemeinschaft finanzieren. „Würden diese Kriterien in den Preis eingerechnet, wären konventionell hergestellte Produkte teurer als aus ökologischem Anbau“, so Vogt-Saggau.

Zum Abschluss des Vortrags wurde letztendlich die Frage beantwortet: „Muss es Bio sein?“ Die Antwort von Vogt-Saggau lautete: „Für unsere Gesundheit ist es die bessere Wahl, für die Tiere und Pflanzen gibt es keine Alternative!“ red

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel