Bensheim

STAUBTROCKEN

Was soll daraus werden?“, fragt Schweickert eher rhetorisch mit Blick auf die ausgemergelten Pflanzen mit abgestorbenen Blättern. Geerntet wird erst zwischen September und Dezember, bis dahin müssen die Zuckerrüben durchhalten. Zweimal habe man nachts beregnen lassen, „aber das ist aufwendig und kostet Geld. Ohne ausgiebige Regenfälle bringt das auf Dauer nichts“, meint der Student. Zumal man mit Zuckerrüben auf dem Markt zurzeit ohnehin keine Höchstpreise mehr erzielen kann, vorsichtig ausgedrückt.

Drei Wochen früher dran

Eine Hitzewelle von historischen Ausmaßen verbunden mit einer außergewöhnlichen Dürre trocknet das Land seit Monaten aus. Während sich die Urlauber in den deutschen Ferienregionen über einen Supersommer freuen, haben die Landwirte bundesweit mit Ernteausfällen zu kämpfen.

Wie hoch die Verluste bei den Zuckerrüben sein werden, können Christoph, Mutter Beate und Vater Jörg Schweickert noch nicht beziffern. Die Familie betreibt in der fünften Generationen den landwirtschaftlichen Betrieb in Schwanheim. Opa Jakob Rothermel, 77 Jahre alt, hat es zeit seines Lebens noch nicht erlebt, dass so früh im Jahr das Getreide gedroschen werden musste. Pauschal drei bis vier Wochen sei man bei allem, was auf den Feldern wächst, früher dran.

25 Prozent weniger als im Vorjahr

Einschnitte bleiben da nicht aus. Wintergerste und Weizen haben etwa 25 Prozent weniger Volumen als im Vorjahr. Gestresst durch die Trockenheit hätten sie zu früh ihre Reife erreicht, durch die Hitze sei die Vegetation verkürzt gewesen, so Schweickert. Mit der Wintergerste werden auf dem Hof Schweine und Bullen gefüttert, ein kleiner Teil des Weizens wird als Nahrungsquelle für das Geflügel gebraucht.

Als Folge der geringeren Ernte „haben wir alles eingelagert, statt wie sonst üblich einen Teil zu verkaufen. Sonst würden wir die Tiere über den Winter nicht satt kriegen“, erklärt der 19-Jährige, der im dritten Semester an der Uni Hohenheim bei Stuttgart Agrarwissenschaften studiert. Die nächste Generation im Familienbetrieb steht damit bereits in den Startlöchern.

Als absehbar war, wohin die Reise im Frühjahr/Sommer 2018 geht, sei das Hauptziel gewesen, das Futter für das Vieh zu sichern. Das ist gelungen. Andere Landwirte hatten nicht so viel Glück und müssen entweder für viel Geld nachkaufen oder ihren Tierbestand verkleinern, um über die Runden zu kommen.

Auf den Feldern der Familie wachsen aber nicht nur Gerste, Weizen oder Zuckerrüben. Kennzeichnend für die Landschaft um Schwanheim ist der gelbe Raps, der ebenfalls die meteorologischen Auswüchse zu spüren bekam. Auf 30 bis 35 Prozent beziffert der Student die Ausfallquote. Ähnlich sieht es beim Mais aus. Der wird in der Regel in der Winzerfestwoche Anfang September gehäckselt, jetzt wird er wohl in den nächsten Tagen fallen.

„Wobei wir im Vergleich zu anderen gut davon gekommen sind“, verdeutlicht Schweickert. Zwar seien die Kolben kleiner als üblich, aber dennoch ist der Mais einigermaßen gewachsen und mehr grün als braun. Der angehende Agrar-Wissenschaftler führt das auf die diesjährige Anbauweise mit „Unter-Fuß-Dünung“ zurück. Dabei wird der Dünger direkt unterhalb des Saatbandes platziert, die Pflanzen sind dadurch stressresistenter.

Direkt neben dem Maisfeld zeigt sich jedoch ein weiteres Dilemma. Durch den fehlenden Regen wächst nichts nach, gleich, wie oft man aussät. Statt grünem Gras nur sonnenverbrannter Boden, auf dem sich lediglich Unkraut wohlzufühlen scheint.

Soja-Bohnen stecken Hitze weg

Hitze-Opfer also überall? Nicht unbedingt. Der Schwanheimer Betrieb baut als einer der wenigen in der Region Sojabohnen an. „Hitze stecken die gut weg“, weiß der Experte. Ein Anbauschlager sind sie in der Bundesrepublik aber nicht. Etwa 40 000 Tonnen der eiweißreichen Futterpflanze werden in Deutschland geerntet, importiert vor allem aus Brasilien und den USA aber 6,7 Millionen Tonnen.

„Wir wollen nicht auf Importe zurückgreifen müssen, die genmanipuliert sind. Da möchten wir uns als heimischer Erzeuger und Direktvermarkter schon absetzen“, unterstreicht Christoph Schweickert die Philosophie des Familienbetriebs. Dennoch wirkt sich die Dürre auch auf die Sojabohnen aus. In einem normalen Sommer haben die Schoten vier bis fünf Körner, jetzt sind es maximal drei, wie ein Feldtest beweist.

Trotz aller witterungsbedingter Probleme hält man im Hause Schweickert nichts davon, intensiv über Ernteausfälle zu jammern und lautstark nach Subventionen zu rufen. „Es bringt nichts, die Witterung können wir zum Glück nicht beeinflussen“, bringt es die staatlich geprüfte Agrartechnikerin Beate Schweickert auf den Punkt. Zumal man an der Bergstraße noch „im gelobten Land ist. Wir können hier mehr von den Feldern holen als die Landwirte im Norden und Osten Deutschlands. Da sieht es deutlich schlimmer aus.

Etwas Gutes hat aus ihrer Sicht der sonnige Sommer ohnehin – abgesehen vom bombastischen Urlaubswetter: Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Hofes läuft auf Hochtouren.

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