Bensheim

Das Hirn zurück auf Werkseinstellung

Sebastian Pufpaff. Das ist kein Künstlername. Aber schon früh ein dezenter Hinweis auf eine berufliche Zukunft im Unterhaltungsgewerbe. Mit 27 Jahren gründet er mit Martin Zingsheim, dem Gewinner Lorscher Abts 2014, und Henry Schumann das Trio Bundeskabarett. Heute lebt er in Bonn und serviert kurzweilige Soloprogramme wie "Auf Anfang", das im Bensheimer Parktheater zu erleben war.

Schwarzer Anzug und Sneakers. Pufpaff denkt schnell und kommt auch sprachlich hinterher. Wilde Gedankensprünge und Assoziationen erfordern eine hohe Aufmerksamkeit. Ebenso die dahingeschlenzten Fußnoten und abgewürgten Halbsätze, mit denen seine Monologe großzügig gespickt sind. "Ich bin Deutscher, ich brauche Krisen": Sein Lieblingsspielzeug sind Klischees und Denkstandards, die er mit handfesten Argumenten dekonstruiert und auf diese Weise ganz frische Perspektiven öffnet. Daher der Titel des Programms: Ein geistiger Reset. Alles wieder zurück auf Werkseinstellung, wie es beim Smartphone heißt. Um uns und die anderen zu verstehen, müssen wir die Festplatte räumen und alles neu starten. Ein Romantikhotel sei auch nichts anderes als ein plüschiger Puff. "Nur ohne Flecken halt."

Pufpaff beginnt interaktiv. Mehr Stuhlkreis als Frontalkabarett. Er fordert das Bensheimer Publikum auf, einfach mal reinzurufen, was es stört oder nervt. Das will er dann einbauen in seinen Text. Eine Hommage an seine Zeit beim Bonner Improvisations-Theater Springmaus? Vielleicht. Immer wieder hat der Besucher das Gefühl, dass hier keiner steif sein Programm herunterspult, sondern auch Platz für Spontaneität und Beziehungsdynamik lässt. Selbst das Drehbuch wirkt wie Stegreif. Das ist künstlerisch wertvoll und glänzend gemacht.

Über Bettler würde er sich nicht mehr aufregen, sondern sich danebenstellen und etwas weniger verlangen. Kindern anderer Eltern kauft er ein Eis, weil die Wespen dann zu ihnen fliegen. Er drängele sich vor und knalle Frauen die Türen vor der Nase zu - Pufpaff betreibt radikale Inklusion und lässt keine Nische aus. Randgruppen existieren nicht mehr. Das ermöglicht eine brutal freie Denke, führt aber auch zu blutigen Kollisionen mit gesellschaftlichen Blockaden und zementierten Weltbildern. Ehrlichkeit bis zur Schmerzgrenze. Oder Freiheit, die weh tut. Das sanft geraunte "Oooooh", das gerne mal aus Zuschauerreihen vermeintlich Böses und Unkonventionelles kommentiert, war in Bensheim regelmäßig zu hören. Doch das Lachen war lauter.

Das dümmste Lebewesen der Welt

Aufmüpfig, anarchistisch und latent aggressiv, dann wieder warm und versöhnlich: Sebastian Pufpaff treibt das Publikum wie ein bissiger Schäferhund virtuos vor sich her und drängt es in die Enge. Die thematische Spannweite ist groß. Von Politik, Gesellschaft, Alltag. Vom Bio-Futter-Wahn über tornadoartige Händetrockner bis zu falsch verstandener Kleintierliebe wird alles abgedeckt. Subtil, trickreich und klug motiviert er das Publikum zum Überwinden einer tendenziellen Denkfaulheit. Der Anspruch lautet, stets ein bisschen schlauer zu sein als der Strudelwurm, das dümmste Lebewesen der Welt.

Pufpaff hat eine Strategie: Er bleibt so lange im Nebel, dass sie die Wahrnehmung anstrengen muss. Das Sichtbare ist eine Illusion. Die Figur ist nur die Projektionsfläche für die Gedanken des Zuschauers. Ein Kabarett-Dienstleister mit therapeutischem Anspruch. Sebastian Pufpaff wiegelt das Publikum auf: "Seien Sie unangepasst, seien Sie ein Rebell." An der Weltenverbesserung könne jeder selbst mitmachen. Bei aller Offensivität und allem vermeintlichem Zynismus bleibt er ein Brandstifter der Humanität. Randgruppen kultureller, körperlicher oder gesellschaftlicher Natur gebe es nicht. "Nur Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher." Langer Applaus im Parktheater.

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