Bensheim

Geschwister-Scholl-Schule Pädagogischer Tag beleuchtete politischen Extremismus in Schule und Gesellschaft

Demokratie lebt von der Erinnerung

Archivartikel

Bensheim.Der Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hätte verhindert werden können. Davon zeigt sich der Berliner Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Forscher Hans-Joachim Funke überzeugt. Der „erste politische Mord“ seit 1949 habe eindeutig einen rechtsextremen Hintergrund.

Die Konstellation der Tat erinnere an die Weimarer Republik, in der ideologische Konflikte am Ende nicht mehr verbal geführt wurden, sondern zur Vernichtung des politischen Gegners führten, so Funke bei einem Vortrag in der Geschwister-Scholl-Schule.

Opfer einer Hetzkampagne

Der CDU-Politiker sei das Opfer eine Hetzkampagne geworden, die terroraffine Netzwerke zu der Tat motiviert hätten. Und er sieht deutliche Parallelen zur Zeit vor 100 Jahren. Er sagt: Wer die Neue Rechte entlarven will, der muss die antidemokratische Dynamik in einer demokratisch schwachen Weimarer Republik kennen. Denn der weitgehende Konsens über den Zivilisationsbruch sei nicht erst durch Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Vergleich beschmutzt worden: 80 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 werde die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus von weit rechts infrage gestellt wie nie zuvor seit den 1950er Jahren. Deshalb hält Funke den Kampf um das Geschichtsbild für elementar, um die Fortentwicklung der deutschen Demokratie zu sichern. „Ohne diese Erinnerung gäbe es kein Grundgesetz und keinen sozialen Rechtsstaat“, so Funke vor Oberstufenschülern, Lehrern und Eltern im Forum der GSS, wo gestern ein „Pädagogischer Tag“ stattgefunden hat.

Schulleiterin Angela Lüdtke und Fachbereichsleiter Stefan Trier begrüßten mit dem Wissenschaftler und Autor einen namhaften Experten, der im Anschluss an seinen Vortrag für die Diskussion mit dem Publikum zur Verfügung stand.

Funke, Jahrgang 1944, lehrte von 1993 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 am Institut für Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf den Untersuchungen zu Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland.

In seinem aktuellen Buch „Der Kampf um die Erinnerung“ zeichnet der Autor die Stufen der Erinnerungskultur nach, die mit dem Wiedererstarken rechter Tendenzen und Parteien ein umkämpftes Thema sei. Seine Botschaft: Nur, wenn die Erinnerung an die Verbrechen und ihre Ursachen wachgehalten wird, kann es gelingen, eine sozial sensible, liberale Demokratie zu verteidigen, die aktiv gegen Rassismus und für die Menschenrechte eintritt.

Dass die Erinnerung so umkämpft ist, hänge auch mit der NS-Ideologie und ihrer Verankerung in der deutschen Gesellschaft zusammen. Funke erkennt hier eine quasireligiöse Faszination für eine neue Herrschaft nach den Krisen der Weimarer Republik, die große Teile der Bevölkerung zum Mitmachen bewegt habe. Das bewusste Erkennen und Analysieren dieser dynamischen Radikalisierung sei angesichts der Gefahren neuer faschistischer Bewegungen aktueller denn je, so der Wissenschaftler in Bensheim.

Für Hans-Joachim Funke ist die Partei AfD ein zentraler Akteur dieser Entwicklung. Mit Angriffen auf die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen versuche die extreme Rechte, diese Erinnerung aus den Köpfen zu verbannen. Björn Höcke (AfD), der das Holocaust-Mahnmal als „Mahnmal der Schande“ bezeichnete, sei von seinem Parteikollegen Alexander Gauland noch überboten worden, als dieser betonte, er sei „stolz auf die Leistung deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Eine gefährliche Verharmlosung, so Funke, die man im Kern als direkten Angriff auf die Menschenwürde der Opfer verstehen müsse. „Die Verstrickung breiter Bevölkerungsschichten in die Verbrechen der NS-Zeit trug nach 1945 dazu bei, dass es in den ersten Jahrzehnten an einer angemessen kritischen Erinnerung fehlte“, so der Politikwissenschaftler.

Heute bemühten sich die Rechten darum, die Ideologen der Konservativen Revolution vom Nationalsozialismus abzukoppeln. Die Formel: Man definiere einen Feind, der an allem Negativen schuld sei: der Muslime, der Jude, der Flüchtling. Die sei die Kern-Rhetorik aller Faschisten. Der Sinn hinter solchen strategisch gepflegten Ressentiments sei immer, eine andere, autoritäre Politik zu etablieren und die Idee eines „ethnisch reinen Staats“ zu verfolgen, so Funke, der mit Besorgnis beobachtet, wie es ein rechter Resonanzraum „aus den Hinterzimmern in die Hauptstädte und den Bundestag geschafft“ habe.

Sein Fazit: Eine Demokratie der Menschenrechte, des sozialen und kulturellen Zusammenhalts müsse sich ihre Stellung in der Gesellschaft immer wieder neu erkämpfen. Der Kampf um die Erinnerung sei dabei ein wesentlicher Bestandteil. „Wir müssen unsere Verfassung gegen diese Minderheit, und nichts anderes ist sie, vehement verteidigen.“ Die demokratischen Parteien seien dabei ebenso gefordert wie jeder einzelne Bürger – und wie jeder Schüler.

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