Bensheim

Parktheater Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ auf der Bühne / Helmut Zierl spielt den Vertreter Willy Loman mit hoher Intensität

Der gescheiterte Traum vom Aufstieg

Bensheim.Das abgewrackte Sakko hat er abgelegt, ebenso die Krawatte, das Hemd hängt ihm aufgeknöpft aus der Hose, sein Haar ist zerzaust – für Willy Loman ist das Spiel aus. Er ist ein Verlierer, der amerikanische Traum hat ihn besiegt. Ein letztes Mal träumt er sich in seine Scheinwelt, malt sich aus, wie der Puls New Yorks langsamer schlägt während seiner Beerdigung.

Menschen aus dem ganzen Land, das er mit seinem Musterkoffer als Handlungsreisender jahrzehntelang durchquert hat, werden ihm, dem allseits beliebten Willy Loman, die letzte Ehre erweisen. Alles Illusion.

Spartanisches Bühnenbild

„Tod eines Handlungsreisenden“ ist das Meisterwerk des amerikanischen Autors Arthur Miller, das in seinem Entstehungsjahr 1949 am New Yorker Broadway uraufgeführt wurde. Das Drama formuliert in zwei Akten und einem Requiem seine Kapitalismuskritik am Beispiel der Familie Loman, die nicht mithalten kann mit den Anforderungen und der Geschwindigkeit des Systems. Am Donnerstagabend gastierte eine Produktion der Schauspielbühnen Stuttgart und des Euro-Studios Landgraf unter der Regie von Harald Demmer mit dem Stück im gut besuchten Parktheater.

Die Inszenierung bewegt sich in der Übersetzung von Volker Schlöndorff und Florian Hopf weitgehend auf den Spuren der Miller-Vorlage. Die kleinen Anpassungen an die moderne Sprache, vor allem bei den Loman-Söhnen Happy und Biff, sind etwas gewöhnungsbedürftig. Das Bühnenbild ist spartanisch gehalten. Ein alter, verfärbter Kühlschrank, in dem Käse aus der Tube aufbewahrt wird, sowie ein abgewetzter Küchentisch samt Stühlen sind die trostlosen Anzeichen des gescheiterten Traums vom Aufstieg.

Die Bühne ist in eine vordere und in eine etwas höhere hintere Spielfläche geteilt. Durch das Vorziehen eines durchsichtigen Vorhangs werden die beiden Bereiche getrennt: Dadurch wird eine zweite zeitliche Handlungsebene eröffnet, sobald sich Willy Loman in seine Tagträume flüchtet.

Im Gegensatz zu Millers Original, in dem die Totenmesse für Willy Loman den Epilog bildet, hat Demmer das Requiem an den Anfang der Aufführung gestellt. Die Trauergemeinde ist klein, die Welt steht nicht still – weder in New York noch irgendwo in New England – als Willy Loman zu letzten Ruhe getragen wird. Eine deprimierende Veranstaltung. Endlich sind wir frei, flüstert Linda Loman am Grabe ihres Mannes und meint damit den Schuldenstand der Familie. Durch Willys Freitod kassieren die Hinterbliebenen eine Summe, mit der endlich alle Rechnungen bezahlt werden können.

Zwischen Willys Verlierer-Erkenntnis und seiner Bestattung liegt einer Reise voller Selbstlügen und Selbsttäuschungen, Hoffnung und schwer zu ertragender Zuversicht. Das System zerstört die Lomans und ist zugleich ihr Rettungsanker. „Wir können es schaffen“, sagt Willy immer wieder. Allein der Glaube an diese Möglichkeit sorgt für Euphorie. Der Blick für die Realität wird verweigert, Fakten ignoriert.

Helmut Zierl spielt den Lügengebäude-Architekten Willy Loman mit hoher Intensität. Zerrissen von rauschhaftem Optimismus und tiefer Niedergeschlagenheit meistert er überzeugend die emotionale Berg-und-Talfahrt des Willy Loman. Zierl ragt heraus aus einer insgesamt starken Ensemble-Leistung, die das Parktheater mit einem langen Schlussapplaus würdigt.

Rebellion ist nicht Willys Sache

In seiner Fantasie ist Willy einmal König von New York, im nächsten Moment befindet er sich in der Wirklichkeit als erschöpfter Vertreter, der keinen Umsatz mehr generiert bei seinen Hausbesuchen. Rebellion ist nicht Willys Sache. Zweimal begehrt er auf. Seinem erfolgreichen Freund Charley und seinem Chef Howard, beide zwischen Empathie und Gefühlskälte schwankend dargestellt von Martin Molitor, geht er an den Kragen, schreckt aber vor seinem eigenen Verhalten zurück.

Willy ist auf der Suche nach der Erfolgsformel. In seinen Tagträumen unterhält er sich mit seinem toten Bruder Ben (Jonas Gruber), der es mit unlauteren Mittel in der Diamanten-Branche zu Reichtum gebracht hat. „Ich bin mit 17 Jahren rein in den Dschungel und mit 21 wieder rausgekommen und war reich. Zimperlich darf man nicht sein“, erzählt Ben. Das „Wie“ interessiert Willy nicht. „Das ist egal.“

Linda (Patricia Schäfer) sammelt die Rechnungen und konzentriert sich auf ihre Rolle als Buchhalterin der Familie. Sie versucht treusorgend alles Negative von Willy fernzuhalten, instruiert ihre Söhne Biff (Julian Härtner, ist in Bensheim aufgewachsen) und Happy (Marcel Schubbe) entsprechend, um den Schein zu wahren. „Willy ist auch Mensch“, ruft sie in einer Szene aus und wirkt dabei fast erschrocken über diese Einsicht.

Biff ist der Rebell. Er hat sich von der Familie räumlich und emotional entfernt, seit er Willy bei einem Techtelmechtel mit einer Frau (Susanne Theil) erwischte. Biff hat die Schule geschmissen, verschiedene Jobs gemacht und kann sich nach seiner Rückkehr zur Familie dem Sog der Scheinwelt voller Unwahrheiten fast nicht entziehen. Er spielt das verstörende Loman-Spiel eine Zeit lang mit, ehe ihm der Kragen platzt und er sich und seinem Vater eine „Drei-Groschen-Existenz“ bescheinigt. Biff flieht zurück aufs Land: „Wenn ich den blauen Himmel anschaue, bin ich glücklich.“

Willy Loman, der zuvor schon einige Selbstmordversuche unternommen hat, fasst den finalen Entschluss. Linda ruft ihn ins Bett, Ben ruft ihn in den Tod. Er folgt Ben. „Alle werden stolz auch mich sein. Und aus Biff wird nochmal etwas Großes werden“, berauscht er sich an seinem Freitod-Abgang.

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