Bensheim

Riva-Verein Vortrag von Sabine Sonntag über Kunstgesang / Eine Referentin mit Kultstatus

Der Star des Barock war der Kastrat

Archivartikel

Bensheim.Der starke Applaus hätte jeder Primadonna – das ist die ab Mitte des 17. Jahrhundert übliche Bezeichnung für die ranghöchste Sängerin eines Opernensembles, der die Interpretation der Hauptrolle zusteht – zur Ehre gereicht. Aber die gebürtige Wienerin Sabine Sonntag, die in Hamburg bei der Koryphäe Götz Friedrich Musiktheater-Regie studiert und ihm dann an der Bayerischen Staatsoper München, am Covent Garden London und dem Württembergischen Staatstheater Stuttgart assistiert hatte, ist keine Sängerin.

Sie arbeitet als Regisseurin, Operndramaturgin, Autorin, Übersetzerin für italienisches, französisches und englisches Musiktheater, lehrt seit 2001 an der Hannoverschen Musikhochschule Historische Musikwissenschaft und hat seit 2013/14 eine Gastprofessur an der International Psychoanalytic University Berlin inne.

Augenzwinkernde Distanz

Der Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit liegt im Bereich der vergleichenden Inszenierungsanalyse und Themen wie „Oper und Film“ sowie „Oper und Psychoanalyse“. Aus dieser beeindruckenden beruflichen Vita entwickelt sie immer wieder Themen um Oper und Operette, um Komponisten und Librettisten, um Bühne und Spektakel, aber auch um Organisation und Finanzen des Opernbetriebs.

Diese Vielfalt in Verbindung mit ihrem multimedialen Vortragsstil, der bei aller fachlichen Tiefe nicht die augenzwinkernde Distanz zu den Eitelkeiten und kapriziösen Überspanntheiten der Stars verliert, bildet den den Applaus auslösenden Moment. Und diese Rezeptur sicherte Sonntag auch bei ihren 17. Vortrag bei deutsch-italienischen Freundeskreis Bensheim – Riva del Garda den Erfolg. Hinter dem unverfänglichen Titel „Wer singt denn da?“ verbarg sich diesmal ein Abriss über den Kunstgesang.

Oper als neue Kunstform

Der melodische Liedgesang ist wahrscheinlich die älteste Gattung jeglicher Musik. Pionierarbeit für die Entwicklung des Gesangs leistete das kirchliche Mittelalter mit seinen liturgischen Gesängen und das weltliche Mittelalter mit den Melismen der Minnesänger und Troubadoure, ehe mit der Oper ab 1600 in Florenz eine neue Kunstform entstand, die sich 1637 erstmals in Venedig in öffentlichen Theatern präsentierte.

Da anfangs ein Verkleidungs- und Auftrittsverbot für Frauen aufgrund des Einflusses der Kirche bestand, wurden alle Rollen männlich besetzt. Der Star der Barockzeit war somit der Kastrat. Er spielte den Liebhaber und bekam die Primadonna. Dass das biologisch unsinnig war, hat damals niemand gestört, denn es ging nicht um Glaubwürdigkeit, sondern um das Klangideal. Nichts empfand man so rein wie die Knabensopranstimme, sie sollte erhalten werden, notfalls durch Kastration, um zum Lobe des Herrn singen zu können.

Gleichwohl traten Veränderungen ein: Claudio Monteverdi brachte im weltlich orientierten Venedig Frauen auf die Bühne und faktisch wurden ab 1820 keine Kastratenrollen mehr komponiert. Die mit der Wiederentdeckung der Barockoper vakanten Kastratenrollen wurden nun zunächst mit Frauen (sogenannten Hosenrollen) des Klanges wegen, dann mit Tenören oder Baritonen der Glaubwürdigkeit wegen besetzt.

Zudem entstand ab 1970 ein neuer Stimmtypus, der Countertenor als Sopranist oder als Altist. Daneben brachte das 18./19. Jahrhundert weitere tiefgreifende Entwicklung mit sich. Die Stimmlagen – Sopran, Alt, Mezzosopran, Tenor, Bariton, Bass – definierten sich. Und die Stimmfächer, die abgegrenzten, speziellen gesanglichen und darstellerischen Anforderungen bestimmter Gesangspartien, mussten bei der Struktur von fest angestellten Ensembles den Anforderungen des Repertoires angepasst werden. Natürlich wurde am klingenden Beispiel (hier: Bryan Terfel als leichter oder Helden-Bariton) Atemtechnik, Klangfarbe und Registerwechsel angesprochen.

Keine Ermüdungserscheinungen

Mit Betrachtungen über die aktuellen Größen der Stimmenwelt klang der Vortrag aus, ehe Placido Domingo als großer Menschengestalter in der Vaterrolle im Schluss-Duett der Verdi-Oper Luisa Miller den Schlusspunkt setzte.

Da weder bei der Referentin noch beim begeisterten Publikum sich Ermüdungserscheinungen zeigten, konnte Pina Kittel, die Vorsitzende des Riva-Vereins, bei ihren Dankesworten die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte anklingen lassen: 18. Vortrag – da capo. Peter J. Zeyer

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